Amication umsetzen (3/04)

 

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»Wie soll ich Amication in die Praxis umsetzen?« Das geht natürlich nicht! Nicht so, wie es in dieser Frage aufscheint. Als Anwendung. Als etwas, das gekonnt sein will. Das man lernen kann. So geht es eben nicht!

Wie aber dann? Nun – es passiert einfach. Beiläufig. Ohne Absicht. Als Geschenk. Einfach so. Aber: nicht jedem passiert es, und nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort. Es braucht günstige Umstände. Gute Zeiten. Sonne am Himmel. Besser: Sonne im Herzen. Denn mit dem Herzen hat es zu tun. Amication ist ja auch eine Herzenssache. Und die kommt gleich nach der Verstandessache. Oder vorher. Mit dem Verstand könnt ihr herausfinden, welche Gipfel der Erkenntnis überhaupt in Frage kommen. Welche Gipfel der Ethik und Moral, der Philosophie und der Lebensfreude ihr denn überhaupt als die eigenen ansehen möchtet. Und welche ihr dann besteigen wollt, die Gipfel, auf denen ihr zu Hause seid, im Nachdenken, mit dem Verstand, mit der intellektuellen Identität. 

»Zu mir gehört Amication«. So ein Satz ist eine klare Kopfposition. Und gleich danach und eigentlich ja davor kommt das Herz: »Das fühle ich, diese amicativen Matterhörner und Wasserfälle, Kuhglocken und Schneereste, Murmeltiere und Alpensegler, Enziane und Berghütten. Das alles fühle ich eben – die amicativen Sonnenstrahlen wärmen mein Herz, erfüllen mich und machen mich froh. Wenn ihr das fühlt (wenn ihr das fühlt), dann ist der Rest – der ganze Rest: die so genannte Umsetzung – eine Naturgewalt, die sich eben einfach ereignet. Die nicht inszeniert werden kann, sondern die sich ergibt. Als Ausdruck dieses amicativ schlagenden Herzens, dieses Gefühls: »So – genau so ist es für mich richtig. Alles – die Amication rauf und runter, alle zwölf Punkte der Grundlagen und zigtausend amicative Dinge mehr.« 

»Das sagt mir was, die Amciation. Das ist mein Zuhause. Darin lebe ich. Das ist alles für mich so selbstverständlich.« Dann hat die Umsetzung längst begonnen. Euer Herz hat sich verwandelt, ihr habt es umgesetzt in amicatives Land. Mehr ist nicht nötig, und mehr geht auch gar nicht. Nur so lässt sich Amication »umsetzen«. 

»Kann man das nicht ein bisschen konkreter haben? So, dass man sich etwas unter amicativer Umsetzung vorstellen kann?« Bitte was? Wie soll man sich denn eine solche Herzumsetzung vorstellen? So etwas macht kein Arzt und keine Medizin, so etwas wächst. Von allein, oder eben nicht. Und je nach Umständen. Ja, natürlich, man muss dafür offen sein, ein bisschen jedenfalls. Ohne dieses bisschen mitgebrachte Offenheit geht es nicht. Und ob man so ein Stückchen Offenheit im Lebensrucksack hat oder nicht – das ist ein Geheimnis, das jeder in sich hat. 

Dennoch: Ich helfe ja gern bei der mühseligen Arbeit (!), sich so etwas wie die »Umsetzung der amicativen Idee in die Alltagspraxis« vorzustellen. Hier sind drei Beispiele von Menschen, die ihren Weg zur Amication schon vor langer Zeit gefunden haben. Und wer das wirklich will, der kann auch Amication lernen und üben, das ist ja auch nicht verboten.

 

Eva

Es fällt mir schwer, meine Erfahrungen mit Amication in Worte zu fassen, obwohl sich dadurch für mich sehr viel verändert hat. Die Veränderungen sind so subtil dass ich sie kaum jemand erklären kann, sie umfassen mein ganzes Wesen.

Anfangs wollte ich noch darüber sprechen, die Idee anderen Menschen erklären, sie überzeugen, sie begeistern. Ich werde stiller, ich lerne hinzuhorchen.

Die Erfahrung, die ich in den amicativen gruppendynamischen Wochenenden gemacht habe: »Ich bin es wert, dass andere Menschen mir zuhören, mir ihre Aufmerksamkeit schenken, meinen Schmerz, meine Trä­nen, meinen Zorn annehmen, einfach annehmen, ohne zu bewerten. ohne zu urteilen« – diese Erfahrung beginnt langsam in mir Wurzeln zu schlagen. Ein kleines Pflänzchen, das in mir Wärme und Glücksgefühl erzeugt.

Ich bin wert ... ich bin wichtig ... so wie ich bin, mit meinen hellen und mit meinen dunklen Seiten. Ich muss mich nicht anstrengen und anstrengen, um so zu werden, wie die anderen mich lieben können. Eine Aufgabe, die mich zerrissen hat, immer auf den anderen schauen, mein Verhalten richten nach jeder Geste, jedem Wort, immer auf dem Sprung ... und die Welt hat so viele andere!

Ich merke, während ich schreibe, dass wieder alte Gefühle des Schmerzes und des Zorns über Nicht-Genügenkönnen in mir aufsteigen und Hilflosigkeit und Trauer. Es ist ein Auf und Ab, Gefühle kommen und gehen, sie fließen durch mich hindurch und lassen mich ruhig und aufmerksam zurück. Ich kann hinschauen, hinhorchen auf mich und auf andere. Das Reden, Erklären, Überzeugen ist nicht mehr wichtig.

Ein weiterer wichtiger Impuls ist für mich der Gedanke »Ich bin für mich verantwortlich, jeder ist für sich verantwortlich, ich bin nicht für andere verantwortlich«.

Verantwortung war etwas, was mir schwer auf der Seele lag. Allein der Gedanke, dass ich nicht für andere verantwortlich bin, z.B. für meine Kinder, für meinen Partner, meine Freunde erleichterte mich sehr und gab mir neuen Bewegungsspielraum und Freude in meinen Beziehungen. Die Auseinandersetzung mit diesem Verantwortungsgefühl für andere dauert an, denn es ist anscheinend tief in mir verwurzelt. Ich mag andere Menschen und ich möchte, dass es ihnen gut geht, ich möchte helfen, dass es ihnen gut geht. Dabei ist es nicht immer einfach zu sehen, ob das, was für mich gut scheint, auch gut für den anderen ist.

Ganz wesentlich hat sich das Gefühl des Loslassens der Verantwortung auf meine berufliche Tätigkeit ausgewirkt. Ich arbeite mit körperlich, geistig und seelisch gestörten Kindern. Von der Ausbildung und meiner bisherigen beruflichen Erfahrung her war ich gewohnt, Verantwortung zu übernehmen: Der Therapeut weiß, was für das Kind gut und richtig ist. Ich stellte einen Therapieplan auf, hatte genaue Vorstellungen, was ich machen wollte, oder sollte sie haben, und es war für mich und das Kind oft sehr anstrengend.

Durch das neue Verständnis haben sich die Standpunkte verschoben, nicht mehr oben-unten, hier Therapeut – dort Kind, sondern gleichberechtigtes Miteinander-Arbeiten. Dadurch ist die Arbeit für mich viel schöner und unbelastender geworden. Das Gefühl »Ich kann die Verantwortung für seine Entwicklung beim Kind lassen« gibt mir die Möglichkeit, offen zu sein für alles, was vom Kind kommt. Ich bin ruhig und aufmerksam. Da ich nicht damit beschäftigt bin, mir zu überlegen, was ich jetzt mit dem Kind tun müsste, bin ich in Lage, auf die momentanen Bedürfnisse des Kindes zu reagieren, es da zu unterstützen, wo es meine Hilfe braucht.

 

Johannes

Den theoretischen Aussagen von der Amication begeg­nete ich anfangs mit Skepsis. Sie waren mir zu »gefährlich«, als dass ich mich vorbehaltlos darauf hätte einlassen können. Beeindruckend waren jedoch die Menschen. Sie gingen echt miteinander um. Sie waren betroffene und mitfühlende Zuhörer. In dieser Umgebung konnte ich mich auf mich selbst einlassen und die mit viel Energie gespielte Sicherheit aufgeben. Ich konnte Wut, Angst und Unsicherheit zulassen. Ich erlebte seit langem wieder, wie mich Weinen befreite.

Diese Begegnung änderte auch die Beziehung zu meiner Frau. Ich hatte zuvor meine wahren Bedürfnisse häufig unterdrückt, wenn sie mit ihren nicht übereinstimmten. Ich scheute die Auseinandersetzung, weil die vermeintliche Harmonie zwischen uns gestört werden konnte. Für ihr Glück fühlte ich mich verantwortlich. Solange sie sich wohl fühlte, so meinte ich, würde es auch mir gut gehen. Die Realität sah anders aus. Keiner von uns fühlte sich wirklich wohl, denn auch sie hatte sich ein ähnliches Muster im Umgang mit mir zurechtgelegt. Durch die Amication erkannte ich meine kindliche Rolle, die ich noch immer spielte, so wie ich früher den Ansprüchen der Erwachsenen entsprochen hatte, um geliebt zu werden.

Ich hatte das große Glück, dass auch meine Frau sich für diese neue Lebensart entschied. So konnten wir uns gemeinsam entwickeln. Heute begegnen wir uns mit viel mehr Offenheit und Verständnis. Wir sind einander näher als früher. Wir können uns unterstützen, wenn Kraft dazu vorhanden ist. Wir können uns auseinandersetzen. Ich lerne zu ertragen, dass es ihr schlecht gehen kann, ohne dass ich das auf mich beziehen muss. Ich lerne, für mich selber zu sorgen. Bis heute haben wir viele Rückfälle in alte Verhaltensmuster erlitten. In Zukunft wird das nicht viel anders sein. Das entmutigt mich nicht und rüttelt nicht an meinem positiven Selbstbild, das ich durch die Amication gewonnen habe.

 

Rosa

Als ich zum ersten Mal von Amication hörte, war ich 42 Jahre alt und lebte in einer kritischen Lebensphase. Voll Unsicherheit und Zweifel war mein Leben. Meine 22 Jahre andauernde Ehe drohte kaputtzugehen, die ersten 3 Kinder waren bereits aus dem Haus – nach anstrengenden Auseinandersetzungen während ihrer Pubertätsjahre –, mein jüng­ster Sohn, der noch zu Hause lebte, war schwierig und verschlossen. Ich war damals auf der Suche nach Sicherheit für mich.

Ich erzählte auf einem Amications-Seminar von den Schwierigkeiten, die ich mit einem meiner Söhne hatte, und von meinen Schuldgefühlen und von dem Vorwurf an mich, vieles an der Erziehung dieses Sohnes falsch gemacht zu haben. Als Antwort bekam ich sinngemäß, dass ich gar nichts falsch oder richtig gemacht haben könnte, sondern sicher das getan habe, was in meiner Macht stand, dass ich das gemacht habe, was ich machen konnte. Diese Botschaft saß bei mir! Die tiefe Erkenntnis erreichte meine Gefühle – die Last der Schuld wich plötzlich von mir ab. Ich hatte ja wirklich immer nur das getan, von dem ich annahm, dass es richtig wäre.

Damals wusste ich so genau noch nicht, was es bedeuten würde, von meinem alten Anspruch abzulassen, zu erziehen und für andere zu wissen, was gut für sie sei. Ich wusste nicht, wie schwer es ist, die alten Gewohnheiten abzulegen, wirklich zu akzeptieren, dass nur jeder selbst für sich weiß, was für ihn gut ist. Es begann also ein langer Prozess des Lernens und des Übens der neuen Beziehung ohne Erziehung.

Mir war intellektuell klar, dass ich nicht in anderer Leute Köpfe sehen kann, also keinesfalls für einen anderen Menschen entschei­den kann, auch nicht für meine Kinder. Von dieser Grundhaltung überzeugt fing ich an mich, in einer Gruppe von Gleichdenkenden mitzuteilen, von den Versuchen, Erfolgen und auch Misserfolgen im Umgang mit anderen Menschen zu reden. Wir trafen uns von nun an einmal wöchentlich, ca. 4 Stunden. Diese Abende wurden für uns alle sehr wichtig, und wir beginnen gerade das vierte Jahr unserer regelmäßi­gen Treffen.

So ganz allmählich wurde mir immer klarer, dass es hier nicht um eine »noch bessere, liebevollere Erziehung«, ein noch geschickteres Umgehen mit Kindern geht – also um etwas für andere Menschen –, sondern dass ich es bin, die hier in Beziehung zu jemandem steht, dass ich es bin mit meiner ganzen Person, mit meinem Fühlen und meinem Denken. Ich begriff, dass ich es bin, die hier im Mittelpunkt allen Geschehens steht. Ich fing an, mich erstmalig wahrzunehmen, mich ernst zu nehmen, zu merken, was mit mir geschieht. Zu merken, was passiert, wenn ich meine Interessen nicht richtig vertreten kann, zu merken, was ich mache, wenn ich mich durch­setze, zu merken, wie das ist, wenn ich wütend werde, mich freue ...

Ich begriff, dass es auch mit mir als »erzogenes Kind« zu tun hat, mit meinen alten anerzogenen Mustern aus meiner Kindheit, meinen schmerzvollen Enttäuschungen, meinen Vorurteilen von dem, was sich gehört und was nicht, meinen Beschränkungen und auch mit meinen sinnvollen, alten Konditionierungen, die ich durch meine Eltern und Kulturbedingungen erfahren habe. Ich bekam Klarheit über das, was sich in mir abspielte.

Ich konnte mir nun mit diesen wahrnehmenden Kenntnissen über mich neu überlegen, was ich von den vielen anerzogenen Gesetzen, die mich leiteten, behalten wollte, weil sie sinnvoll und hilfreich für mich sind, und was ich an Gesetzen heute nicht mehr für mich will, weil sie mich behindern. Mir wurde klar, dass ich mich jederzeit neu entscheiden kann, das eine oder andere zu tun. Die Entscheidung liegt bei mir. Das war eine wichtige Erkenntnis für mich. Sie gab mir das Wissen, dass ich einmalig und selbständig meine Dinge bestimmen kann, also meine Entscheidung habe, was ich tue, ob ich z.B. abhängig sein will oder nicht. Es war eine weit reichende Erkenntnis für mich, festzustellen, dass mich niemand wirklich zwingen kann und ich immer der Meister meiner Belange bin.

Ich übernehme die Verantwortung für mich. Das geht bis in alle Bereiche meines Lebens hinein. Es betrifft meinen Körper, meine Seele, meine politischen Auffassungen, überhaupt alles. Ich komme mir wie aufgeweckt vor. Ich bin von einer grauen Maus, die leidensfähig immer nur für andere sorgte, zu einer selbstbewussten, aktiven und munteren Frau geworden, die sich ihres Lebens freut, aufmerksam mit sich und anderen Menschen umgeht, die etwas über Körpersprache lernt, ein Gefühl für Energien bekommt, die Traurigkeit und große Freude erlebt, kurzum, die sich rundum wohl fühlt. Und das alles, obwohl meine Ehe inzwischen nicht mehr besteht, ich also alleine lebe. Ich kann »Ja« sagen zum Leben, mit allem Rauf und Runter. Mein altes Kindheits-Ok-Gefühl habe ich wieder gefunden, nachdem ich so mancherlei Gerümpel, was durch Erziehung darüber lag, beiseite schaffen konnte. Ich kann mich so akzeptieren, wie ich gerade heute bin. Ich habe nicht mehr den Zwang, mich bessern zu müssen, dieser alte pädagogische Anspruch ist Gott sei Dank von mir gewichen. Wann immer ich mit Menschen zu tun habe – besonders mit jungen Menschen –, gehe ich von ihrer Souveränität aus, möchte ich sie sehen, wie sie sind, von ihnen lernen, mit ihnen leben, mit ihnen lieben.

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