Amicative Partnerschaft

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»Ich bin für dich, dein Glück und dein Leid verantwortlich, und du bist es für mich.« Die traditionelle Basis der Partnerschaft.

 

Eine Frau kommt nachts nicht nach Hause, sie war bei einem anderen Mann. Ihr Partner ist verletzt und es geht ihm nicht gut. Am nächsten Morgen ist klar, dass sie für seinen Schmerz verantwortlich ist. Denn wenn sie nicht zu einem anderen Mann gegangen wäre, würde es ihm nicht so schlecht gehen. Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat ein schlechtes Gefühl und ein schlechtes Gewissen. Schuldgefühl. Schuldzuweisung. Die Stunde danach ist hässlich.

 

In der Nachbarwohnung lebt das amicative Paar. Auch sie kommt eines nachts nicht nach Hause, auch ihm geht es schlecht. Kein Unterschied zum Paar nebenan. Doch am nächsten Morgen ist der Unterschied groß: Denn sie ist in keiner Weise für seinen Schmerz  verantwortlich – dies ist er selbst. Er ist selbstverantwortlich. Von Geburt an. Auch für seine Reaktionen. Auch in dieser Situation. Auch für seinen Schmerz. Sie weiß das. Er weiß das. Sie hat kein schlechtes Gefühl und kein schlechtes Gewissen. Kein Schuldgefühl. Keine Schuldzuweisung. Die Stunde danach ist nicht hässlich.

 

»Ich liebe dich, doch ich bin nicht für dich verantwortlich. Ich nehme dir nichts von deiner Verantwortung für dich fort« – dies gilt auch in der Welt der Erwachsenen, auch in der Partnerschaft. »Ich wünsche mir deine Liebe, aber nicht, dass du mir meine Verantwortung für mich absprichst«. Die amicative Basis der Partnerschaft.

 

Die amicative Partnerschaft ist ohne Schuldgefühl und ohne Schuldzuweisung. Denn nach amicativer Auffassung können Menschen einander nicht wirklich psychisch weh tun. »Mein Schmerz ist meine Wahrnehmung, meine Reaktion auf Dich, und für alle meine Reaktionen trage ich selbst die Verantwortung, nicht Du.« Damit ist der Schmerz nicht aus der Welt geschafft, es werden aber die Zuständigkeiten zurechtgerückt. Gleichwertigkeit wird an die Stelle von oben (im Recht sein) und unten (im Unrecht sein) gesetzt.

 

In der Nacht lässt sie ihre Blumen blühen. Und er reagiert darauf mit Schmerz. Er könnte auch anders reagieren: gelassen, sich mit ihr freuen. Aber er fällt in den Schmerz. Dies ist verständlich, aber dafür ist nicht sie verantwortlich. Das weiß er, und er macht sie nicht für seinen Schmerz verantwortlich. Und sie? Sie lässt so viel Liebe und Wärme zu Hause zurück, wie sie kann. Warum sollte sie kalt und teilnahmslos sein? Amicative Partner kümmern sich umeinander, denn der andere ist Teil des eigenen Ichs.

 

Was passiert am Morgen danach bei dem amicativen Paar? Sie kommt, weil sie wirklich will. Sie ist nicht verstrickt in Abwehr gegen Schuldvorwürfe, da er nicht mit Schuldzuweisungen reagiert. Sie ist offen für ihn, sie trägt die Energie der Nacht zu ihm, sie steht ihm in seinem Schmerz bei. Sie reagiert mit Empathie, nimmt ihn in den Arm und tröstet ihn. Sie liebt ihn – aber das hindert sie nicht, ihre Wege zu gehen, auch, wenn dies für ihn Schmerz bedeuten sollte. Und er? Er liebt sie, und bei allem Schmerz über ihr Wegbleiben erfüllt es ihn doch mit Freude, vielleicht mit Stolz, dass er diesen geliebten Menschen nicht behindert, trotz all seiner Angst und Not. Seine Liebe trägt sie, und ihre Liebe trägt ihn.

 

Doch wenn der Schmerz zu groß wird, trennen sich die Wege. Das kann er ihr sagen, ohne den lieblosen Druck, sie mit seinem Schmerz zum Bleiben zu bewegen. Wohl aber mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass sie bleibt. Er weiß, respektiert und achtet, dass sie entscheidet, wie ihr Leben weitergehen wird. So wie er das auch für sich erkannt hat. Sie kann seine angekündigte Reaktion mit dem Abenteuer der Nacht abwägen – ohne sich unzulässig unter Druck gesetzt oder herabgesetzt zu fühlen. Wenn sie geht, geht auch er. Wenn sie bleibt, bleibt auch er. Fortgehen oder bleiben – beide Partner entscheiden sich, ein jeder in seiner Verantwortung für sich selbst – wie stets in einer amicativen Lebensführung.

 

Der Schmerz des einen hindert den anderen nicht automatisch, den eigenen Weg zu gehen. Doch selbstverständlich kann man auch auf den angestrebten Weg verzichten, auch in der Partnerschaft. Die Frau kann auch bleiben. Sie fragt sich: »Was will ich wirklich, angesichts aller Umstände?« Und sie bleibt oder sie geht. Sie muss nicht gehen, sie muss nicht bleiben: sie will bleiben oder sie will gehen. Und sie will zurückkommen. Weil sie wirklich will, nicht aus Verantwortung.

 

Liebe und Verantwortung jedoch führen immer wieder zu Verzicht und Verrat der Träume und Wünsche, eben »aus Verantwortung«. Und wenn man doch seinen Träumen folgt, dann mit dem schlechten Gewissen, sein Wort nicht zu halten und seiner Verantwortung für den Partner nicht gerecht zu werden. Es kommen Schuldgefühl und Schuldzuweisung, Entschuldigung und Vergebung. Es existiert eine Beziehung mit gut und böse, richtig und falsch, oben und unten, ohne gleiche Wertigkeit der Partner.

 

Diese Denk- und Gefühlswelt gibt es in der Amication nicht. Niemals steht einer über dem anderen, tut der eine das Richtige, der andere das Falsche, ist der eine gut, der andere böse – auch nicht in der Partnerschaft, auch nicht bei Leid und Schmerz. Von gleich zu gleich gehen amicative Partner aufeinander zu und miteinander um, auch wenn sie getrennte Wege gehen, auch wenn des einen Glück des anderen Schmerz ist. Amicativen Partnern ist Liebe fremd, die aus Verantwortung füreinander kommt und immer wieder »Nein« zu sich selbst sagen muss. Die amicative Liebe der Partner zueinander kommt aus dem »Ja« zu sich selbst und aus der Freude über den anderen.

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