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Amicative Szenen (1/05)
Die UrgroßmutterUrgroßmutter ist hundert Jahre alt geworden, und es ist an der Zeit, die Erde zu verlassen. Sie hat ein erfülltes Leben hinter sich und nimmt nun Abschied von ihren Kindern, Ekeln und Urenkeln. Urgroßmutter liegt auf dem Sterbebett, die Kerzen brennen. Alle sind sehr darauf bedacht, dass sie in Frieden einschlafen kann. Jetzt nehmen die Kinder, Enkel und Urenkel Abschied, einer nach dem anderen umarmt sie, sagt Danke und Auf Wiedersehen. Zum Schluss kommt das jüngste Urenkelkind an die Reihe. »Hallo Urgroßmutter, ich möchte Dir auch Auf Wiedersehen sagen.« »Lieb von Dir«, antwortet die Urgroßmutter leise, »aber wer bist Du denn?« »Weißt Du nicht, wer ich bin?« »Nein.« »Kennst Du mich denn gar nicht? Sieh mich nur genau an«, sagt das Kind. »Du stehst neben mir, nicht wahr?« »Ja« »Du kommst mir sehr bekannt vor. Sag mir, wer Du bist. Ich habe so viele Tränen in den Augen, ich kann Dich nicht richtig sehen.« »Dann sag ich Dir, wer ich bin. Aber, Urgroßmutter, eigentlich könntest Du wissen, wer ich bin.« »Könnte ich das?« Sie horcht in sich, aber sie erkennt das Kind nicht. »Weißt Du, Urgroßmutter, ich bin Du. Du hast Dich in Deinem Leben um alle sehr gekümmert. Nur nicht genug um mich.« Und Petrus sagt: »Das stimmt. Du warst eine sehr liebevolle Mutter und Großmutter. Aber es ist Dir etwas aus dem Blick geraten, dieses Kind, das Du selbst warst. Das kannst Du beim nächsten Mal ruhig anders machen, wenn Du willst.« Urgroßmutter weint. Sie weiß, dass sie nichts falsch gemacht hat. Aber sie sieht die Wiesen des Morgens noch einmal, die Sommerlust ihres Mittags und die freundliche Kühle des Herbstes, die frohlockende Kälte des Winters. Sie sieht zurück auf ihr Leben, und sie fühlt all das Glück noch einmal. Und dennoch weint sie leise in sich hinein. »Ich werde es beim nächsten Mal wirklich anders machen, ich vergesse mich nicht wieder so sehr«, flüstert sie. »Jeder Tag ist mein Tag, ich hätte eher drauf kommen können.« »Ist schon gut«, sagt das Kind, nimmt ihre Hand und streichelt sie.
29. Januar 2014, 10.03 UhrDeutscharbeit in der Klasse 8c. Aufsatz. Angespannte Ruhe liegt über den jungen Leuten. Ein Stuhl wird gerückt. Der Lehrer blickt auf. Ein Schüler ist aufgestanden. »Was ist los, Kilian?« Alle sehen jetzt auf. Der Schüler sieht zufrieden aus. Er schaut zur Tafel, durch sie hindurch. »Kilian, was ist?« Leicht irritiert steht der Lehrer auf. »Ich schreibe nicht weiter.« »Bitte?« »Ich schreibe nicht weiter. Nie mehr. Ich schreibe keine Aufsätze mehr.« Nach einer Sekunde absoluter Stille wird es sehr unruhig. »Seid still!« Der Lehrer wird energisch. »Lass den Quatsch und setz Dich. Schreib weiter.« Kilian richtet sich ganz auf. Er sieht den Lehrer an. »Sie haben kein Recht dazu. Meine Gedanken gehören mir. Niemand hat das Recht, meine Gedanken auf sein Papier zu befehlen. Ich werde keine Aufsätze mehr schreiben. Niemals.« Seine Entschlossenheit bewirkt noch einmal absolute Stille im Klassenraum. Dem Lehrer gelingt keine Antwort. Zwei, drei andere junge Leute stehen ebenfalls auf. Sie sagen nichts, sie schließen ihre Hefte. Der Lehrer ist fassungslos, sprachlos. Alle stehen jetzt, alle Hefte sind geschlossen. »Wollen Sie einen Kaffee?« fragt Freya, »ich hole einen.«
Tagesschau: »Überall im Land haben sich heute Vormittag zahlreiche Schüler geweigert, ihre Klassenarbeiten zu schreiben. Lehrer berichten, dass die Schüler mitten im Unterricht aufstanden und die Fortsetzung ihrer Arbeiten ablehnten. Lehrer, Pädagogen, Psychologen und Eltern können sich diesen Vorgang nicht erklären, zumal es an sehr vielen Orten gleichzeitig gegen 10.00 Uhr vormittags geschah. Die Entschiedenheit der Ablehnung, Klassenarbeiten zu schreiben, kam um so unvermuteter, als es keine vorherigen Anzeichen für ein solches Phänomen gab.«
Die KuhEs ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden. »Guten Tag«, sagt die Kuh. »Guten Tag«, sage ich. »Warum lässt Du mich töten – warum tötest Du mich? Oder ein Schwein, ein Schaf, eine Gans? Wer gibt Dir das Recht dazu?« Jetzt bleibe ich stehen. Ich sehe das Tier vor mir an. »Ich weiß es nicht anders«, sage ich. »Wenn ich leben will, muss ich töten. Dich, oder andere Tiere. Oder Pflanzen.« »Ich will nicht getötet werden. Glaubst Du, dass mein Leben weniger wert ist als Deins?« »Wir haben gleichen Wert, wie alle Geschöpfe des Universums«, sage ich, »der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Teil des Ganzen.« »Aber Du machst mich Dir untertan.« »Ich weiß es nicht anders«, sage ich noch einmal. »Ich würde Dich auch töten, wenn ich sonst nicht leben könnte«, sagt die Kuh. »Es ist nicht schön«, sage ich. »Aber es ist«, sagt die Kuh. »Wie die Sonne am Himmel oder die Wolken im Wind. Das Leben tötet, um zu leben.« »Ja«, sage ich, »ich verteidige meine Grenze, meine Lebensgrenze, mein Leben. Und das bedeutet für Dich den Tod.« »Nun gut«, sagt die Kuh, »wenn das die Realität ist. Aber da gibt es noch etwas anderes.« »Was meinst Du?« »Stehst Du über mir, wenn Du Dich durchsetzt?« »Schon«, sage ich, »ich gewinne, Du verlierst. Ich gewinne Nahrung für mein Leben, Du verlierst Dein Leben.« »Ich meine es nicht faktisch, äußerlich. Ich meine es innerlich, von Deiner Einstellung her.« »Viele Sieger fühlen sich auch über dem Verlierer stehend, sehen auf ihn herab, demütigen ihn. Aber für mich gilt anderes: ich fühle mich Dir verbunden, als gleichwertiges Geschöpf.« »Du tötest mich und fühlst Dich mir gleichzeitig verbunden? Du stehst nicht über mir, wenn Du mich umbringst?« »Ich stehe nicht über Dir, das ist meine Grundhaltung.« Und die Kuh sagt: »Es ist bei Dir wie bei den Indianern, sie töten den Büffel mit Achtung und Respekt.« Es ist Sonntag Vormittag, die Sonne scheint, und ich bin draußen in Wiesen und Weiden.
alles was immer es ist ohne angst strömen und ruhen lassen
mich dem anvertrauen und hingeben was in mir lebt mit staunen und freude meine wege gehen im frieden mit all dem in mir
raum haben und geben dem unverständlichen und undurchsichtigen dunkel und ohne dass ich weiß was all dies bedeutet es leben und geschehen lassen darauf setzen dass der sinn der ich bin es mir zu dem werden lässt der ich immer schon bin und sein werde
(»zauberpfade«, S. 113)
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