Das Wiederfinden der Selbstliebe

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Das Vertrauen in sich selbst, die Selbstverantwortung, die Selbstliebe, die soziale Kraft: Konstruktive Potenzen des Menschen werden durch die Amication nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene wieder denkbar und verfügbar. Der Erwachsene wird auch stets direkt angesprochen, und wenn er sich in amicativen Positionen wieder findet, dann setzt er den amicativen Impuls für das Kind um, das ihm zuallererst anvertraut ist: für sich selbst. Er beginnt, die Verhexung der eigenen Kindheit aufzuheben, wieder an sich zu glauben und sich zu lieben.

 

Wenn man amicativen Überlegungen zustimmt, bedeutet das jedoch noch nicht, dass man sich sofort so akzeptieren und lieben kann, wie man gerade ist. Es geht erst einmal um eine neue Perspektive, um eine Ablösung der alten Sicht. Wie kommt man dann aber weg vom »Ich kann mich nicht leiden« und vom »Ich kann dies oder jenes an mir nicht leiden«, vom »Ich muss besser werden« und vom »Ich muss an mir arbeiten«? Wie setzt man die amicative Erkenntnis um? Wie fühlt man wieder, dass man sich mag? Wie macht man es, sich zu lieben?

 

Es ist nicht zu »machen«. Beim einen ruht dieses Wissen unter der Oberfläche, und wenn man davon hört, wird es lebendig: »Ja, so fühle ich auch, eigentlich schon lange, nur fehlte mir der Mut, aber jetzt bin ich mir sicher, ich werde den Glauben an mich nie mehr verlieren.« Der Impuls reicht aus, um die Selbstliebe, die ja nicht wirklich verloren geht, wieder zu fühlen.

 

Bei vielen anderen aber ist es eine schöne Idee, doch sie sehen keine Möglichkeit, dass ein solches konstruktives Denken auch für sie eine gefühlsmäßige Wirklichkeit werden kann. »Wie soll ich denn dahin kommen?« Die erlernten Unterlegenheitsgefühle, das »Ich bin ja doch nichts wert«, der ganze Jammer der verloren geglaubten Selbstliebe steigen auf, man wird traurig, vielleicht auch ärgerlich über diese »Sprüche«.

 

Die Antwort ist stets so: »Sieh erst einmal, ob diese Auffassungen etwas für Dich sind. Willst Du so über Dich denken? Wirklich?« Dabei geht es um die Ernsthaftigkeit. Wer der Selbstliebe schon von der Idee her nicht wirklich zustimmt oder ihr skeptisch gegenübersteht, für den gibt es kaum Rat. Wer aber wirklich zustimmt (was ja niemand muss), nur nicht weiß, wie er das hinbekommen soll, für den gilt: »Lass Dich in Ruhe«. Doch er kann sich ja nicht in Ruhe lassen. »Vertrau Dir doch einfach, dass Du es eines Tages schaffst«. Doch er kann sich nicht vertrauen.

 

Es ist wie bei einem ungeduldigen und sich misstrauenden Kind. Was ist dabei? »Du kannst so ungeduldig sein und so misstrauisch, wie Du willst. Das ist Dein Sinn. Das ist nicht gut. Das ist nicht schlecht. Es ist. Es ist in Dir, ein Teil von Dir.« Aber Ungeduld und Misstrauen in sich selbst werden ja nicht gemocht und sollen verschwinden.

 

Dann ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Idee des Bösen endgültig nicht mehr gilt, niemals, auch nicht in Bezug auf sich selbst, auch nicht in Bezug auf irgendwelche Teile von sich. »Deine Ungeduld und dein Misstrauen in Dich sind Teile von Dir. Sie sind nicht böse. Hast Du das Recht, sie zu diskriminieren? Was meinst Du, was sie davon halten, wenn Du sie beschimpfst? Wenn Du sie bekämpfst? Wenn Du sie verbessern, erziehen willst? Amication ist unteilbar. Das Achten gilt auch Deinen Teilen gegenüber, auch den Teilen, die Du überhaupt nicht leiden kannst.«

 

»Wie bitte ?«

 

»Die Achtung vor der Inneren Welt gilt jedem Phänomen gegenüber, auch den Dingen, die in Dir sind. Deine Ungeduld und Dein Misstrauen – sie warten auf Dich. Alles von Dir, Dein ganzes Universum (dazu gehören auch diese ärgerlichen Teile in Dir) wartet auf Deine Akzeptanz, wenn Du schon keine Liebe für sie aufbringen kannst.«

 

»Aber ich kann das alles an mir nicht leiden. Muss ich das jetzt können?«

 

»Natürlich nicht. Deine Gefühle werden doch auch nicht verraten. Aber: Ist es wirklich nötig, das, was Du an Dir nicht leiden kannst, auch noch obendrein zu missachten, als unsinnig zu diskriminieren, als verbesserungsnotwendig abzustempeln? Was zwingt Dich denn, diese Pädagogik gegen Deine eigene Innere Welt zu machen? Schön, Du magst Deine Ungeduld und Dein Misstrauen nicht. Aber lass sie gelten! Auch wenn Du sie nicht magst. Sie sind sinnvoll! Nichts ist sinnlos. Sie sind in Dir gewachsen. Wenn Du sie rausreißt, verblutest Du. Sie sind ein Teil von Dir.«

 

»Dann gehen sie nie.«

 

»Vielleicht gehen sie nie und bleiben ein Leben lang bei Dir. Aber wenn Du sie bekämpfst und beschimpfst, dann gehen sie erst recht nicht. Wenn Du auch ihnen gegenüber die amicative Idee lebst und sie achtest, dann hast Du eine Chance – keine Garantie –, dass diese unangenehmen Gefühle in Dir, die ihrem Sinn folgen, zu ihrer Zeit gehen.«

Es geht also darum, nicht doch noch irgendwo auf der Welt eine Ecke für das Böse zu reservieren, diesmal: in sich selbst. Von der Idee her. Wer erkannt hat, dass er sich selbst tatsächlich und ohne Einschränkung lieben könnte, wie immer er ist, aber dies nicht hinbekommt – für den bleiben zwar Schmerz, Ärger, Ungeduld und Misstrauen. Aber Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gehen. Wer es nicht schafft, sich zu lieben – obwohl er diese Idee gut findet und es sehnlichst möchte –, der schafft es nicht. Das tut weh, natürlich. Aber es ist gänzlich überflüssig, sich dies auch noch zum Vorwurf zu machen. Das ist so etwas wie der erste Schritt. Wer ihn nicht schafft, muss sich auch dies wieder nicht zum Vorwurf machen. Wer aber auch das nicht schafft, muss sich auch das wieder nicht zum Vorwurf machen. Und so fort. Selbstakzeptanz und Selbstliebe sind letztlich immer möglich.

 

Neben diesem Grundsätzlichen gibt es auch andere Hilfen.

 

Zunächst: Das Erinnern. Wenn man in eine solche Fallgrube gefallen ist (man kann sich nicht leiden, man gibt dem anderen die Schuld, man demütigt die Kinder), kommt stets der Moment des Innehaltens. Früher warteten dort die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen. Doch das Innehalten – vielleicht nach einer Minute, einer Stunde, einem Tag öffnet auch dem Erinnern die Tore: dass es die amicative Idee gibt, dass solche Bücher geschrieben wurden, dass es solche Menschen gibt. Die Verbindung kann wieder hergestellt werden. »Niemand macht Dir einen Vorwurf, dass Du in eine Fallgrube gefallen bist. Das Herausklettern beginnt, wenn Du Dich erinnerst, an all diese Dinge.« Vielleicht mit dem Stoßseufzer: »Ach, eigentlich bin ich ja doch ganz o.k., trotz allem«.

 

Und: Die amicative Welt existiert, hier und heute. Man kann diese Bücher lesen, diese Menschen kennen lernen. Man kann Kontakt herstellen. Gemeinsames Erleben mit anderen amicativen Menschen ist hilfreich, und die gemeinsamen neuen Erfahrungen bringen mehr und mehr Sicherheit.

 

Das Wichtigste aber: »Kümmere Dich ein bisschen mehr um Dich, schau hin, ob Dir etwas gut tut oder nicht, und tue Dir immer mal wieder etwas Gutes. Jeden Tag eine gute Tat – lass dieses Motto Dir gegenüber gelten, denn Du bist Dir anvertraut. Und wenn Du auf Dich acht gibst, wächst die Selbstliebe von allein.«

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