Der Terrorismus des 12. September (1/02)

 

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Ich wurde auf einem Vortrag nach meiner Position zum 11. September gefragt: »Ist dies ein Tag, der auch aus amicativer Sicht die Welt verändert hat?« Will ich auf diese Frage eingehen? Mitmischen im Meinungszirkus? Platt antworten, um irgend etwas zu sagen, unverbindlich, ohne Risiko, um Ruhe zu haben? Doch selbstverständlich gibt es auch zum 11. September unverkennbares amicatives Nachdenken:

Die Gleichwertigkeit der Amication gilt uneingeschränkt, auch für jeden Terroristen des 11. September. Ein Terrorist ist wie jeder andere ein Mensch mit Würde und ein Ebenbild Gottes. Seine Gedankenwelt ist ebenso wertvoll oder wertlos wie die anderer Menschen. Er ist wie jeder andere nicht an objektiven Maßstäben zu messen, da es diese in der Amication nicht gibt. Er steht vor mir als Person, und von Ich zu Ich sagen wir uns, was es zu sagen gibt.

Aus amicativer Sicht gibt es gegenüber dem Terroristen als Person Respekt und Achtung. Die Bewertung seiner Position und seiner Handlung bleibt dann einem jeden überlassen, und wer ihm zustimmt, stimmt ihm zu, wer ihm heimlich zustimmt, stimmt ihm heimlich zu, wer ihn ablehnt, lehnt ihn ab, wer ihn bekämpft, bekämpft ihn. Das muss jeder selbst entscheiden, Amication macht hier keine Vorgabe und nimmt niemanden in die Pflicht. Jeder kann der Terrorist sein, der er sein will – so wie jeder der Friedensmensch sein kann, der er sein will.

Aber kollidiert Amication nicht mit der Wertewelt derer, die andere missachten (»Wir werden auf ihren Gräber tanzen«)? Zu den Grundlagen von Amication gehört die Achtung vor dem Anderen, seinem Selbstbild. Also auch die Achtung vor jemandem, der andere missachtet. Wenn jemand ein Missachter, ein Hasser, ein Terrorist, ein Killer sein will – was ist daran mit objektiver Elle zu messen? Nichts. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten, aus der großen Wahl der Identitäten wählt ein jeder aus, und keine Wahl ist besser oder schlechter als eine andere Wahl.

Wenn es in der Amication also eine grundlegende Achtung vor jedem Menschen, auch jedem Terroristen gibt – dann ist dies eine sehr andere Position als diejenige, die dem Terroristen das Böse-Etikett aufklebt. Diese Basisposition der Amication ist für die Lebenswirklichkeit aber nur der Beginn allen Geschehens. Sie ist eine psychische Größe, die in der Realität des Handelns, Kommunizierens, Miteinanders unabdingbar, auf jeden Fall, ohne Ausnahme, immer und stets ergänzt wird um die persönliche Position und Bewertung, um das Resümee der persönlichen Ethik und Moral: »Bei allem Respekt vor Dir – das aber ist meine Meinung dazu.« Die Große Vielfalt entlässt nicht in die unendliche, im Nebel verschwindende Beliebigkeit, sondern lädt ein und zwingt letztlich zur persönlichen Wahl und Verantwortung und zum persönlichen Weg in all dieser gleichwertigen Unendlichkeit. »Welchen Weg will ich gehen, wenn alle Wege möglich sind, in Verantwortung vor mir? 

Ich bin ab diesem Punkt des Stellung Nehmens zum 11. September jetzt persönlich gefragt. Bis hierhin ging es um Amication, ab jetzt geht es um Hubertus. Und ich – Ich – bin verwurzelt in einer Welt, die dem Anderen im Unterschied zu den bekannt gewordenen Auffassungen der Terroristen die Ausgestaltung, Expression, Verwirklichung seines Selbst zugesteht, wie immer er möchte, solange er anderen kein Leid zufügt. Zufügt wohlgemerkt, das heißt absichtlich, gewollt. Mein Handeln, mit dem ich mich realisiere, wird eigene Reaktionen der anderen hervorrufen, Freud und Leid. Wie bei Jesus und der Peitsche im Tempel. Das lässt sich nicht vermeiden, und wenn mein Verhalten Leid hervorruft, das ich nicht hervorrufen will, dann ist dies etwas grundlegend anderes als ein Verhalten, das Leid und Tod sehr wohl hervorrufen will.

Und die Notwehr? Wenn ich ein Leben (z.B. meines Kindes) dadurch rette, dass ich ein anderes Leben (z.B. eines Mörders) vernichte? Wenn auch ich Leid und Tod zufügen will – um Leben zu erhalten? Dann unterscheide ich mich im Töten nicht vom Terroristen – aber sehr wohl in seiner psychischen Basisposition: Bei mir bleibt die Achtung vor dem, den ich töte, erhalten, ich trauere um ihn und pflege sein Grab. Im Terroristen gibt es diese Achtung nicht, er tanzt auf dem Grab.

Die Weltsicht der Terroristen enthält die Unterdrückung der Freiheit des anderen. So wie dies in vielen Gesellschaftsformen der Fall ist: in den Monarchien, Diktaturen, Theokratien dieser Welt. Der Westen hat dies durch die Aufklärung und die demokratische Idee schon ein gutes Stück überwunden. Hier bin ich zu Hause, und dieser Wert der Freiheit des Einzelnen ist auch mein Wert. Die Terroristen des 11. September wählten aus der Großen Vielfalt den Wert der Unterdrückung des Einzelnen und die Missachtung seiner Würde – ich wähle aus der Großen Vielfalt den Wert der Freiheit des Einzelnen und die Achtung seiner Würde. Wir unterscheiden uns. Und selbstverständlich verteidige ich meine Werte gegen jeden, der sie angreift und auslöschen will. Mit welchem Mittel, das will dann gut überlegt sein.

Ich bin hier, wo ich lebe, nicht von den Terroristen des 11. September angegriffen worden. Wohl aber von denen, die diese Menschen missachten und zu Nichtmenschen stempeln. Diese Terroristen des 12. September habe ich um mich, in jeder Zeitung, jedem Kommentar, jedem Gespräch, in jeder Frage zum Thema. Dieser ethische Terrorismus schickt keine Flugzeuge in Türme, sondern Flugzeuge in mein Herz. Und diesem Terrorismus halte ich stand. Nach dem Schreck und Schock der Attacke (»Die Terroristen des 11. September sind keine Menschen«) hole ich Luft und komme zur Besinnung. Ich besinne mich auf meine Werte und schwenke die Fahne der Amication, mir zur Ehre: »Selbstverständlich sind die Terroristen des 11. September Menschen mit Würde und ihnen kommt Respekt und Achtung zu. Wie auch denen des 12. September. Und ebenso selbstverständlich ist für mich, dass es völlig unakzeptabel ist, Menschen mit Flugzeugen umzubringen. Genauso unakzeptabel, wie eben diesen Mördern die Menschenwürde abzusprechen.« 

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