Die amicative Praxis (1/03)

 

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Es wird oft erwartet, daß amicative Menschen die Kinder auch tun lassen, was diese selbst entscheiden. Das sei doch die Quintessenz aller amicativen Theorie! Doch es ist anders.

»Setz die Mütze auf« ‑ »Ich will nicht!« Eine Mutter im Konflikt mit ihrer dreijährigen Tochter. Die Welt wird interpretiert. Wer interpretiert richtig? Die amicative Antwort ist: jeder interpretiert auf seine Weise, der eine hat soviel recht wie der andere. Die Mutter sagt der Tochter ihre Sicht der Dinge, die Tochter sagt der Mutter ihre Sicht der Dinge. Die Mutter sagt sie vielleicht mehrmals, das Kind antwortet mehrmals. Dann kann es sein, daß sie übereinstimmen: »Ich setze die Mütze auf« oder »Na gut, dann gehe ohne«.

Oder sie bleiben bei ihren entgegengesetzten Beurteilungen. Dann wird sich in der Regel der Erwachsene durchsetzen, und das Kind muß das tun, was er will. Dies ist auch in amicativen Familien nicht anders.

Doch bei aller Gegensätzlichkeit im Handlungsbereich: auf der psychischen Ebene findet kein Angriff gegen die Innere Welt und Souveränität des Kindes statt. Das »Nein« des Kindes wird als Ausdruck eines gleichwertigen Menschen mit Innerer Souveränität verstanden, der einen anderen Weg gehen will ‑ den der Erwachsene aus seinen Gründen heraus aber nicht zulassen kann. Es geht dabei nur um das handlungsmäßige »Tu es« bzw. »Tu es nicht«, nicht aber um das psychische »Sieh das ein ‑ ich habe recht«. Im amicativen Konflikt gibt es keinen Angriff des Erwachsenen auf die Seele und die Identität des Kindes und deswegen  auch nicht eine entsprechend vehemente Verteidigung dagegen. Ein amicativer Konflikt verläuft in anderen Bahnen.

Auf der psychischen Ebene stehen sich die amicative Position und die traditionelle pädagogische Position gegenüber. Hier die Anerkennung der souveränen Inneren Welt des Kindes, Beziehung und Austausch mit einem vollwertigen Menschen ‑ dort das Feststellen des Nichtvorhandenseins einer souveränen Inneren Welt beim Kind, Erziehung und Unterweisung eines zur Vollwertigkeit reifenden Menschen. Amicative Erwachsene werden durch die Anerkennung der Souveränität des Kindes nicht handlungsunfähig ‑ ihre Handlungen sind jedoch von anderer psychischer Qualität.

Frei von Bevormunden, Einsichtigmachen und Trotzbrechen wird für den amicativen Erwachsenen anderes möglich: psychisches Hören - Empathie. In gleicher Weise kann das Kind den Erwachsenen psychisch wahrnehmen. Denn da es nicht angegriffen wird, muß es seine Energie nicht in der Verteidigung gegen den Erwachsenen aufreiben. Beide können deswegen die jeweilige Dringlichkeit des anderen mitbekommen. Beide sind offen zu merken, wie wichtig dem anderen sein Interesse wirklich, d.h. auf der emotionalen und existentiellen Ebene, ist. Sie nehmen einander wahr, sie erfahren auch im Konflikt, auch im Obsiegen und auch in der Niederlage, wer der andere nach seinem Selbstverständnis ist. Empathie ist die Basis erziehungsfreier Praxis.

Der Erwachsene und das Kind informieren sich also über ihre Interessen und teilen sich zugleich auf der emotionalen Ebene ihre Dringlichkeiten mit. Dies geht ein paarmal hin und her, mal mit Worten und Erklärungen, mal ohne. Dann kann es zwar vorkommen, daß sich einer durchsetzt ‑ mal der Erwachsene, mal das Kind ‑, aber die Regel ist, daß der eine den anderen machen läßt. Denn die Dringlichkeiten zweier Menschen sind selten von gleichem Gewicht. »Dann mach du« ‑ dies liegt näher. Das geht aber nur, wenn nicht existentielle Wichtigkeiten im Zentrum des Konflikts stehen: Einsicht und Gehorsam, die der Erwachsene vom Kind einfordert, Würde und Selbstachtung, die das Kind vom Erwachsenen respektiert wissen will.

In der erziehungsfreien Praxis werden Konflikte nicht mit (bewundernswerter) Mühe gelöst, sondern sie lösen sich wegen der Empathiestruktur amicativer Kommunikation meistens von selbst auf. Das wird nicht irgendwie gemacht, vorbereitet, erarbeitet oder ähnlich angestrebt. Der amicative Alltag mit Kindern läßt sich nicht inszenieren. Er ist ein authentisches Geben und Nehmen gleichwertiger Partner. Der beiläufige tägliche Friede mit Kindern wird als Geschenk erlebt, das sich aus der amicativen Haltung ergibt. 

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