Konflikt: Die Psychische Dimension

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Konflikte kommen im Alltag mit Kindern immer wieder vor, und wenn ein Erwachsener sich seinem Kind gegenüber dreimal am Tag durchsetzt (eine gering geschätzte Zahl), dann sind das etwa 1000 Steine, die er im Laufe eines Jahres in den Weg seines Kindes rollt. Bei 18 Kinderjahren sind das 18.000 Steine, bei zwei Eltern 36.000, hinzu kommen Verwandte, Bekannte, Erzieherinnen, Lehrer: 100.000 Steine warten auf die Kinder, Behinderungen, Niederlagen. Amication hat kein Rezept – weder in der Theorie noch in der Praxis –, wie sich dieser riesengroße Steinhaufen verringern lässt. 100.000 Steine sind die Realität jedes Kindes. Sie sind mal kleiner, mal größer, mal belanglos, mal ärgerlich – aber sie sind da.

 

Es wird oft erwartet, dass amicative Menschen die Kinder auch tun lassen, was diese selbst entscheiden. Das sei doch die Quintessenz aller amicativen Theorie! Aber wer so denkt, hat den Sinn der Amication nicht verstanden. Es ist schön, wenn man den Steinhaufen seines Kindes auf 99.000 verringern kann, aber die Behinderungen der Kinder durch die Erwachsenen zu beseitigen ist nicht das Thema der Amication – wiewohl sicher viele Steine in amicativen Beziehungen gar nicht erst auftauchen. (Dies liegt an der Empathiestruktur amicativer Konfliktsituationen, in denen Konflikte oft ohne »Nein« zu Ende gehen.) Es geht bei der Amication nicht um die äußere Welt (Abbau von Behinderungen auf der Handlungsebene), sondern um die psychische Ebene:

 

Muss ein Stein, müssen alle diese vielen Steine nicht nur behindernd sondern auch noch giftig sein? Behaftet mit dem seelischen Gift »Sieh das ein! Das kannst Du nicht richtig beurteilen! Ich weiß es besser als Du!« In der Amication gibt es dieses Gift nicht.

 

»Setz die Mütze auf!« – »Ich will nicht!« Eine Mutter im Konflikt mit ihrer dreijährigen Tochter. Die Welt der Dinge wird interpretiert: Körpertemperatur, Wohnungstemperatur, Außentemperatur, Wind, Regen, Erkältungsanfälligkeit ... Wer interpretiert richtig? Die amicative Antwort ist unmissverständlich: Jeder interpretiert auf seine Weise, der eine hat soviel recht wie der andere. Niemals steht im Interpretieren und Bewerten der eine über dem anderen. Die Mutter sagt der Tochter ihre Sicht der Dinge, die Tochter sagt der Mutter ihre Sicht der Dinge. Die Mutter sagt sie vielleicht mehrmals, das Kind antwortet mehrmals. Dann kann es sein, dass sie übereinstimmen: »Ich setze die Mütze auf« oder »Na gut, dann geh ohne«.

 

Oder sie bleiben bei ihren entgegengesetzten Beurteilungen. Dann wird sich in der Regel der Erwachsene durchsetzen und das Kind muss das tun, was er will. Dies ist auch in amicativen Familien nicht anders. Doch der amicative Erwachsene lässt dem Kind dann stets seine eigene innere Sichtweise, er pflanzt in die Seele des Kindes nicht gegen dessen Willen seine Erkenntnisbäume – was aber genau Aufgabe und Verpflichtung für jemanden ist, der für Kinder und für ihre innere Entwicklung, für ihre „richtigen“ Beurteilungen, Werte und Sichtweisen die Verantwortung trägt. Wenn auch der amicative und der pädagogische Erwachsene gleich handeln – in der psychischen Dimension unterscheiden sie sich radikal.

 

Auf der psychischen Ebene stehen sich die amicative Position und die traditionelle pädagogische Position gegenüber: Hier die Anerkennung der souveränen Inneren Welt des Kindes, Beziehung und Austausch mit einem vollwertigen Menschen – dort das Feststellen des Nichtvorhandenseins einer souveränen Inneren Welt beim Kind, Erziehung und Unterweisung eines zur Vollwertigkeit reifenden Menschen. Amicative Erwachsene werden durch die Anerkennung der Souveränität des Kindes nicht handlungsunfähig – ihre Handlungen sind jedoch von anderer psychischer Qualität.

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