Konfliktbeispiel Rutsche

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Ein amicativer Vater und seine dreijährige Tochter Anne kommen im Winter zum Spielplatz. Anne klettert die Leiter zur Rutsche hoch und will rutschen. Ihr Vater sagt ihr, dass sie dies nicht tun soll, da Schneematsch auf der Rutsche liegt, sie eine nasse Hose be­komme und sich erkälten könne. Anne will dennoch rutschen. Der Vater steigt rasch die Leiter hoch und holt Anne herunter. Kurz darauf kommen ein pädagogischer Vater und seine dreijährige Tochter Karin zum Spielplatz. Auch Karin klettert die Leiter zur Rutsche hoch und will rutschen. Ihr Vater sagt ihr, dass sie dies nicht tun soll, da Schneematsch auf der Rutsche liegt, sie eine nasse Hose bekomme und sich erkälten könne. Karin will dennoch rutschen. Der Vater steigt rasch die Leiter hoch und holt Karin herunter.

 

Beide Kinder erleben, dass sie nicht tun können, was sie wollen, was sie als das Beste für sich erkannt haben: nämlich zu rutschen, auch wenn dort Schneematsch liegt und der Vater eine Erkältung kommen sieht. Beide Kinder sind Schneematsch-Rutsche-Kinder. Beide Kinder können nicht realisieren, was sie für richtig halten, beide erleben den Vater als Verhinderer der Verwirklichung ihrer Interessen, so, wie sie diese sehen.

 

Im Unterschied zum amicativen Vater trägt der pädagogische Vater die Verantwortung für sein Kind. Was er tut, geschieht aus seiner Sicht zum Besten des Kindes, besser, als es das selbst wahrnimmt. Für die Beziehung von Karin und ihrem Vater gilt, dass der Vater im Herausfinden des Richtigen und im richtigen Bewerten dem Kind übergeordnet ist: Ich weiß besser als Du, was für Dich gut ist. Karin erlebt diese Haltung ihres Vaters als psychischen Angriff auf ihre Bewertung. Sie erlebt, dass sie nicht ein Schneematsch-Rutsche-Kind sein darf, dass ihr Wille nicht richtig sein, dass ihre Weltdeutung falsch sein soll. Die Anspruchshaltung ihres Vaters erreicht Karin im Tonfall der Stimme, in der Art, wie er die Leiter hochkommt, wie er sie anfasst, wie sein Gesicht aussieht, auf den psychischen Kommunikationskanälen. Und sie setzt sich innerlich zur Wehr, dass sie psychisch nicht das Kind sein darf, dass sie sein will, sie ist verstrickt in psychischen Angriff und ihre Abwehr, sie fühlt, dass ihre Position geringer wertvoll sein soll, sie fühlt sich demoralisiert. Zur Verhinderung im Außenbereich kommt der psychische Angriff durch die pädagogische Anspruchshaltung.

 

Die Tochter des amicativen Vaters erlebt dies nicht. Auf der Innenseite der Beziehung gibt es kein objektiv besseres Wissen des Erwachsenen darüber, was gut für das Kind ist. Annes Vater interveniert aus seinen subjektiven Gründen, die er nicht als objektiv wertvoller einstuft als die Gründe des Kindes. Es gilt: Jeder spürt selbst am besten, was für ihn gut ist.

 

Die Gründe von Annes Vaters sind: Seine Angst und Sorge, dass Anne sich erkälten könnte, sein Wunsch, dass es seinem Kind gut geht. Er trägt Verantwortung für sich und tut etwas, um dieser Verantwortung gerecht zu werden. Er tut etwas, damit seine Angst und Sorge geringer werden, damit sein Wunsch erfüllt wird. Deswegen greift er ein und verhindert, dass das, was Anne will, Wirklichkeit wird. Ohne den Anspruch, dass dies zum objektiv Besten des Kindes geschieht, besser als es das selbst wahrnimmt. Dies erspart Anne die Demoralisierung, die Karin erlebt. Anne bekommt mit, dass ihr Bewertungssystem vom Vater nicht geändert werden will. Dass er zwar anders bewertet und dies auch mitteilt und sie einlädt, seiner Bewertung zu folgen, dass er ihr aber ihre abweichende Bewertung auch wirklich lassen kann. Sie erlebt sich auf der psychischen Ebene als gleichwertig. Ihr »inneres Königtum« wird nicht angetastet. Der Vater geht entschlossen gegen sie vor im Außenbereich und zwar aufgrund seiner eigenen Interessen (Angst und Sorge verringern, Wunsch erfüllen) – aber im Innenbereich schwingt die Achtung mit vor ihrem Selbst und ihrer Fähigkeit, das eigene Beste selbst spüren zu können. Nur, dass er dies aus seinen Gründen heraus jetzt nicht Realität werden lassen kann.

 

Die äußere, physikalische Aktion ist dieselbe – die innere, psychische Dimension ist grundverschieden: die Realität ist gänzlich anders. Väter und Töchter verlassen den Spielplatz, und was so zum Verwechseln ähnlich aussieht, ist doch völlig verschieden. Zwei Kinder können nicht tun, was sie wollen – das eine wird zusätzlich belastet mit psychischem Angriff und Demoralisierung, das andere erlebt sich trotz der Verhinderung seines Wunsches als geachtet und anerkannt.

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