Amicative Literatur

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Kurztext zur antipädagogischen Argumentation

 

AMICATION

 

An vielen Stellen des Buches habe ich den Begriff »Antipädagogik« und das zugehörige Adjektiv »antipädagogisch« sowie die Bezeichnung »Antipädagoge« verwendet. Seit der erstmaligen wissenschaftlichen Verwendung des Begriffs »Antipädagogik« durch Heinrich Kupffer im Jahr 1974 (in seinem Aufsatz »Antipsychiatrie und Antipädagogik«) wurde die Bezeichnung »Antipädagogik«  von vielen Autoren in unterschiedlicher Weise gebraucht, wobei zusätzlich die Bedeutungsunterschiede von Befürwortern und Kritikern zu berücksichtigen sind.

 

Ich habe den Begriff »Antipädagogik« zunächst zur Kennzeichnung der erziehungsfreien Theorie, später in einem weiten Sinne als Bezeichnung für die erziehungsfreie Lebensphilosophie und Lebensführung verwendet. Es wurde mit der Zeit notwendig, meine Sicht der erziehungsfreien Thematik mit einem unverwechselbaren Begriff zu kennzeichnen und den Überschriften »Unterstützen statt erziehen« und »Freundschaft mit Kindern« einen eigenen Fachausdruck zur Seite zu stellen.

 

Dieser Begriff ist »Amication«. Amication ist weit gefasst und bezeichnet meine Gesamtsicht der Thematik. Amication erstreckt sich auf alle Lebensbereiche, sie ist eine postmoderne, postpatriarchalische und postpädagogische Weltsicht. Amication wird ständig weiterentwickelt und enthält neben den vielfältigen anderen Facetten menschlicher Realität eine existentielle Philosophie und Ethik, Emotionalität und Praxis.

Das Wort »Amication« habe ich in Ableitung vom lateinischen »amicus« (Freund) gebildet, es spiegelt das zentrale Element der von mir entwickelten erziehungsfreien Position wider: die freundliche Beziehung des Menschen zu sich selbst, zum anderen und zur Welt.

Das Adjektiv zu Amication ist »amicativ« (z.B. »die amicative Position«).

 

Im Buch sind zwar die alten Begriffe vorhanden, doch dies verringert nicht sein inhaltliches Gewicht. Das vorliegende Buch ist nach wie vor eine wichtige Hilfe für jeden, der sich einen Zugang zur erziehungsfreien Lebensführung eröffnen möchte.

 

Hubertus von Schoenebeck, 1998

  

Inhalt

 

I   Einführung

1. Der antipädagogisch-pädagogische Dialog

2. Die Replik auf die pädagogische Rezeption

3. Die Menschenbild-Problematik

4. Vom antipädagogischen Selbstverständnis

5. Vom pädagogischen Selbstverständnis

 

II   Dialoge

A       10 Dialoge mit Andreas Flitner: Konrad, sprach die Frau Mama...

B       10 Dialoge mit Jürgen Oelkers/Thomas Lehmann: Antipädagogik: Herausforderung und Kritik

C       10 Dialoge mit Michael Winkler: Stichworte zu Antipädagogik

 

Anhang:         Zum Antipädagogikverständnis, Antipädagogik-Glosar, Stichwortverzeichnis, Antipädagogik-Test, Erziehungsfreie Praxis, Antipädagogik: Rückblick und Ausblick, Antipädagogische Literatur

 

 

Leseprobe

 

Andreas Flitner:

»Die unsicheren Eltern jedenfalls (und die schlimmen Prügel-Eltern lesen solche Bücher sowieso nicht) werden hier zu weiterer Ängstlichkeit und weiterer Rücknahme ihrer Beziehungen veranlasst. Die Neigung, die hier indirekt gestützt wird, nämlich aus dem Felde zu gehen und Kinder und Jugendliche sich selbst zu überlassen, verbunden mit der Vorstellung von hinreichender Sozialisation durch die Gleichaltrigen – gehören sie nicht zu den traurigen Entlastungsversuchen der älteren Generation, die mit der Verzagtheit und Orientierungslosigkeit, auch mit dem pathologischen Narzissmus junger Menschen gewiss etwas zu tun haben?«

 

»Für alle drei Dimensionen der Behütungsforderung erscheinen die antipädagogischen Parolen nur zu bequem: Lasst doch die Kinder tun, was ihnen behagt; lasst sie hocken, konsumieren und anglotzen, was der Medien-Alltag ihnen zu bieten hat, gönnt ihnen doch ihr entmündigendes Vergnügen!«

 

»Freigeben des Kindes heißt aber auch für Janusz Korczak: die Verbindung nicht abreißen lassen. Gewiss, Kinder müssen gewagt, müssen freigegeben werden; aber nicht fallengelassen, nicht preisgegeben an alle die, die heute nach ihnen greifen.«

 

»Dem nachzugehen (Gründen für destruktive Charakterentwicklung von Kindern, H.v.S.) und hier vielleicht Besserung zu schaffen, kann in der Tat die längerfristige und wichtigere Aufgabe des Erziehers sein. Aber im Moment muss er handeln. Und es zeigt sich auch hier: Der Freiraum, den die Nicht-Erziehung, die Abstinenz der Erwachsenen bringen soll, saugt eventuell Freiheitsbedrohung und Vergewaltigung aus anderen Quellen an. Die Ordnung, die der Erzieher durch Vorgabe von sozialen Regelungen (oder auch durch Sorge für die Aufrechterhaltung von selbst beschlossenen Regelungen der Kinder) schafft, ist eventuell schon deshalb unerlässlich, weil die Kinder sonst anderen Zwängen und Machtausübungen anheim fallen, die sehr viel schlimmere Unfreiheit mit sich bringen können.«

 

 

Replik

Folgt man hier Flitners Ausführungen, so bedeutet Antipädagogik, dass Kinder fallengelassen und an ihre Feinde preisgegeben werden. Die Textstelle ist voller negativer Aussagen über die Antipädagogik und ihre Wirkung. Es ist klar, dass solche düsteren Bilder aus antipädagogischer Sicht nicht akzeptiert werden. Ebenso wie die Pädagogik sagt die Antipädagogik von sich, dass sie dem Humanen verpflichtet ist, und sie tritt mit dem Selbstbewusstsein auf, dem Wesen des jungen Menschen feiner, aufgeklärter, realistischer und konstruktiver nachgespürt zu haben als dies irgendeine Pädagogik kann. Der Bruchpunkt für das Verstehen der antipädagogischen Position liegt hier darin, dass es aus pädagogischer Sicht ganz und gar nicht positiv ist, die Erwachsenenverantwortung für Kinder abzule­gen.

 

Aus antipädagogischer Sicht ist das »Lasst doch die Kinder tun, was ihnen behagt« (2. Textstelle) ein hilfreicher Zuruf, der daran erinnert, sich nicht in das innere System des Kindes einzumischen. Er hat nichts zu tun mit dem destruktiven Sinn, den Flitner unterlegt und der im weiteren Verlauf der Passage bis zum Zynischen deutlich wird: »lasst sie hocken, konsumieren und anglotzen, was der Medien-Alltag ihnen zu bieten hat, gönnt ihnen doch ihr entmündigendes Vergnügen!« Eine antipädagogische Position »Lasst doch die Kinder tun, was ihnen behagt« wird pädagogisch gedacht und fortgeführt. Dies verfehlt die Antipädagogik.

 

Sicher ist es einfacher und bequemer, mit Kindern nicht darüber im Streit zu liegen, was sie denken und fühlen sollen. Diese Erleichterung im Umgang mit Kindern hat jedoch nichts mit einem gleichgültigen und destruktiven Aus-dem-Feld-Gehen zu tun, sie ist aus antipädagogischer Sicht etwas Konstruktives. Sie geht nicht zu Lasten des Kindes, sie nimmt vielmehr auch vom Kind Last fort: sich eines sein Selbstsystem überfallenden Erwachsenen erwehren zu müssen. Diese beiderseitige Erleichterung ist ein Gewinn aus der Befreiung vom pädagogischen System, ein Friedensgeschenk. Von Menschen, die sich der schweren Mühe unterziehen, im Kind die eigenen Werte und Normen verbindlich zu machen, kann dies wohl kaum anders eingestuft werden als das unerträgliche Fortstehlen aus einer unabdingbaren Pflicht. Der Ärger über die antipädagogischen Preisgeber wird in dieser Textstelle sehr deutlich, und er verleitet zum Nichtverstehen: »... gönnt ihnen doch ihr entmündigendes Vergnügen« versteht Flitner die Antipädagogen. Die antipädagogische Antwort ist wieder gänzlich anders: Niemand kann in Wahrheit Kinder entmündigen, ein »entmündigendes Vergnügen« gibt es überhaupt nicht. Es ist für Antipädagogen schon zu verstehen, was Flitner sagen will – aber es betrifft sie nicht, es betrifft pädagogische Bilder, die bei der Rezeption der Antipädagogik unterlegt werden.

 

Sind die Kinder aber nicht doch denen ausgeliefert, die sich an sie heranmachen? Solche Profiteure der verschiedensten Art (vom Psychovampir bis zum Geschäftemacher) gehören heute zur Wirklichkeit. Hier gibt es bei Antipädagogen ebenso Sorgen und Ängste wie bei Pädagogen. Doch für Antipädagogen bedeuten diese Gefahren nicht, den Kindern ihre grundlegende und als existentiell vorhanden erkannte Fähigkeit das eigene Beste selbst spüren zu können zu beschneiden, also aufzutreten als Vormund, als ein Erwachsener, der für Kinder verantwortlich ist. Die Kraft das eigene Beste selbst zu spüren ist bei den Kindern da – unabhängig davon, wie katastrophal es in der Erwachsenenwelt zugeht.

 

Die Erwachsenenangst vor Gefahr für das Kind ist immer subjektiv berechtigt, sei es die Angst beim Anblick der Leiter im Kirschbaum, beim Gewaltkrimi im Fernsehen, beim Drogenkonsum in der Clique. Gegen die Angst und die subjektiv festgestellte Gefahr kann jeder antipädagogische Erwachsene etwas tun. Er kann in die Außenwelt des Kindes eingreifen, also die Leiter wegnehmen, den Fernseher ausschalten, die Drogenberatungsstelle einschalten. Er verbessert damit seine Angstsituation und tut etwas zur Beseitigung der von ihm festgestellten Gefahr für das Kind, er folgt seiner subjektiven Sorge um das Kind. Dies ist er zuallererst nicht dem Kind schuldig, sondern sich selbst. Denn er trägt Verantwortung für sich, er kümmert sich um das Wesen, das ihm zunächst zur Sorge anvertraut ist: um sich selbst. Diese Selbstverantwortung und auch Verpflichtung sich selbst und dem gegenüber, was er als richtig und sinnvoll ansieht, lässt ihn in die Außenwelt eingreifen, durchaus auch gegen den Willen und die Vorstellungen des Kindes, wenn die Interessen nicht gleich laufen. Aber im Unterschied zum pädagogischen Menschen lässt er es bei diesem Außeneingriff (den der Pädagoge vielleicht genauso durchgesetzt hat), er verlagert seine Aktion nicht in das Innere des Kindes, er macht ihm nicht seine Sicht der Dinge psychisch verbindlich. Das Kind kann der Sicht des Erwachsenen folgen, die dieser ja nicht verbirgt, aber es kann ebenso seine eigene Bewertung der Situation behalten. Ob der Eingriff der Erwachsenen in die Außenwelt des Kindes gut ist oder nicht, entscheidet für das Kind dieses selbst.

 

Der antipädagogische Erwachsene beendet die von ihm festgestellte Gefahr für das Kind: dies ist für ihn selbst wichtig, ein solcher Gefahr-Beender will er sein. Es macht für ihn keinen Sinn, voller Angst und Sorge tatenlos zuzusehen, wie sein Kind die Leiter hochklettert, den Krimi sieht, Drogen nimmt. Ein solcher Gefahr-Zuseher will er nicht sein. Im Unterschied zum pädagogischen Erwachsenen fügt er jedoch nicht an die Stelle der eben beendeten Gefahr im Außenbereich die Aggression im Innenbereich.

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