Leseprobe zu Kinder der Morgenröte
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog: Felix und Matthias
I Die neue Perspektive
1. Die Verantwortung zurückgeben
2. ... und das Tabu aufheben
3. Die Herrschaft beenden
4. ... und die Erziehung überwinden
5. Wissen, was gut ist
II Erziehungsfreie Wirklichkeit
1. Alltag jenseits der Erziehung
2. Selbstverantwortlich von Anfang an
3. Harmonie
4. Konflikte lösen sich auf
5. Authentisch und sozial
III Mit Kindern leben
1. Verschiedene Welten
2. Von der Gedankenfreiheit
3. Streiten und Schlichten
4. Rote Karte
5. Wer bist Du eigentlich?
IV Von Person zu Person
1. Kinderland
2. Baggersee
3. Spaziergang
4. Radtour
5. Uferböschung
V Am Anfang
1. Der Angst begegnen
2. Hilfreiche Erinnerung
3. Das neue Vertrauen
4. Der eigene Beginn
5. Unterstützung
Epilog: Amication
Leseprobe
4. Konflikte lösen sich auf
In
Gesprächen über die erziehungsfreie Praxis werde ich immer wieder gefragt, wie
ich mit Konflikten umgehe. Es ist, als ob das gesamte erziehungsfreie Konzept
hier, in der Konfliktthematik, auf dem Prüfstand steht.
Konflikte
kommen im Alltag oft vor. Selbst wenn man sich in Konflikten mit Kindern nur
zehnmal am Tag durchsetzt, dann sind das 3650 Steine, die im Lauf eines Jahres
in den Weg eines Kindes gerollt werden. Bei 18 Kinderjahren sind das 65 700
Steine, bei beiden Eltern 131 400, hinzu kommen Verwandte, Bekannte, Erzieher,
Lehrer: rund 200 000, vielleicht sogar eine viertel Million Steine warten auf
jedes Kind, Behinderungen, Niederlagen. Es gibt kein Patentrezept, wie sich
dieser riesengroße Steinhaufen verringern lässt. Unzählige Steine sind die
Realität jedes Kindes. Sie sind mal kleiner, mal größer, in jungen Jahren mehr,
später weniger – aber sie sind da.
Es wird
oft erwartet, dass ich die Kinder tun lasse, was diese selbst
verantworten und entscheiden. Das sei doch die Quintessenz aller
erziehungsfreien Theorie! Sicher, es ist schön, wenn ich den Steinhaufen meines
Kindes verringern kann, aber es geht in der erziehungsfreien Praxis
vordringlich nicht um die Äußere Welt, den Abbau von Behinderungen auf der
Handlungsebene, sondern um die psychische Ebene:
Muss ein
Stein, müssen alle diese vielen Steine nicht nur behindernd, sondern auch noch
giftig sein? Behaftet mit dem seelischen Gift »Sieh das ein! Das kannst Du nicht
richtig beurteilen! Ich bin für Dich verantwortlich! Ich weiß es besser als Du!«
Dieses Gift gibt es in der erziehungsfreien Beziehung nicht, auch nicht im
Konfliktfall.
»Setz die
Mütze auf!« – »Ich will nicht!« Eine Mutter ist im Konflikt mit ihrer
dreijährigen Tochter. Sekundenschnell wird die Welt der Dinge interpretiert:
Körpertemperatur, Wohnungstemperatur, Außentemperatur, Wind, Regen,
Erkältungsanfälligkeit, Anorak, Schal, Handschuhe, Mütze und vieles mehr. Wer
interpretiert richtig? Die erziehungsfreie Antwort ist unmissverständlich:
Jeder interpretiert auf seine Weise, der eine hat soviel recht wie der andere.
Niemals steht im Interpretieren und Bewerten der eine über dem anderen. Die
Mutter sagt der Tochter ihre Sicht der Dinge, die Tochter sagt der Mutter ihre
Sicht der Dinge. Die Mutter sagt sie vielleicht mehrmals, das Kind antwortet
mehrmals. Dann kann es sein, dass sie übereinstimmen: »Ich setz die Mütze auf«
oder »Na gut, dann geh ohne«.
Oder sie
bleiben bei ihren entgegengesetzten Beurteilungen. In diesem Fall lässt die
Mutter dem Kind seine eigene Sichtweise, sie überschreitet nicht die Grenze zu
seiner Inneren Welt. Sie pflanzt nicht in die Seele des Kindes ihre eigene
Erkenntnis – genau das aber ist Aufgabe und Verpflichtung für jeden
pädagogischen Menschen. Denn er trägt für Kinder und für ihre »richtige« innere
Entwicklung, die »richtigen« Beurteilungen und Erkenntnisse die Verantwortung.
Erziehungsfreie Menschen hingegen respektieren, dass die Kinder in der
Erkenntnis- und Beurteilungsfrage sich selbst gehören, und zwar von Geburt an.
Das schließt Erklärungen und Angebote nicht aus – aber die Kinder entscheiden
selbst, was sie davon übernehmen wollen, welche Erkenntnisse und Bewertungen zu
ihnen gehören und welche nicht. Ein erziehungsfrei aufwachsendes Kind ist kein
Gefangener in eigenen Land, sondern der ursprüngliche und uneingeschränkte
Souverän seiner Inneren Welt.
In der
psychischen Dimension liegt der Unterschied der Systeme. Hier die Anerkennung
der souveränen Inneren Welt des Kindes, Beziehung und Austausch mit einem
vollwertigen Menschen – dort das Feststellen des Nichtvorhandenseins einer
souveränen Inneren Welt beim Kind, Erziehung und Unterweisung eines zur
Vollwertigkeit reifenden Menschen. Erziehungsfreie Menschen werden durch die
Anerkennung der inneren Souveränität des Kindes nicht handlungsunfähig – ihre
Handlungen sind jedoch von anderer psychischer Qualität.
Wie
kommen erziehungsfreie Menschen nun zum Tun? Verantwortlich in meinem Leben bin
ich für mich selbst. Was will ich, was will ich wirklich? All meine
Befindlichkeiten – meine Gefühle, mein Wissen, meine Erfahrungen, Ziele,
Ängste, Grenzen und vieles mehr bilden das Insgesamt, aus dem heraus ich
handle, vor Ort, jetzt: »Dann bleibst Du drin« oder »Dann geh ohne Mütze«.
Ich muss
mich nicht durchsetzen, aber oft ist es mir unverzichtbar. Als Erwachsener
gelingt mir das in den Konfliktbereichen, wo ich die besseren Machtmittel habe:
zum Beispiel bei Argumentations-Konflikten, Finanz-Konflikten,
Muskelkraft-Konflikten. Die Kinder hingegen können vor allem die Konflikte zu
ihren Gunsten zu entscheiden, bei denen sie den Erwachsenen psychosomatisch und
emotional überlegen sind.
Dies
betrifft rein körperliche Größen wie das biologisch wirksame Kindchenschema, das
jeden Erwachsenen zum Nachgeben drängt, oder die kindliche Stimme,
Körperhaltung, Gestik und Mimik. Vor allem aber haben Kinder emotionale
Machtmittel, fein abgestimmte Töne für die jeweiligen Empfindlichkeiten ihrer
Erwachsenen. Sie beherrschen genau die Stimmlage, die bei diesem Erwachsenen so,
beim anderen anders zum Erfolg führt. Man kann dieses Verhalten als »Jammern«
und »Nörgeln« diskriminieren, doch tun die Kinder nichts anderes als die
Erwachsenen: Sie setzen ihre vorhandenen Machtmittel für das Kind ein, das ihnen
anvertraut ist – für sich selbst.
In einer
erziehungsfreien Beziehung geht es jedoch nur selten um das Sich-Durchsetzen.
Wiewohl Machtmittel da sind und sowohl Erwachsene als auch Kinder sich
durchsetzen könnten, kommen Machteinsatz und Durchsetzen wirklich selten vor.
Das klingt paradox.
Doch: Bei
aller Gegensätzlichkeit im Handlungsbereich – auf der psychischen Ebene findet
kein Angriff gegen die Innere Welt des Kindes statt. Das Nein des Kindes wird
als Ausdruck eines Menschen mit innerer Souveränität verstanden, der einen
anderen Weg gehen will – den der Erwachsene aus seinen Gründen heraus aber nicht
zulassen kann. Für den Erwachsenen geht es dabei nur um das handlungsmäßige »Tu
es« oder »Lass es«. Es geht nicht um das »Sieh das ein«, nicht um Trotz, den es
zu brechen gilt, nicht um das Teufelchen, das man zum Besten des Kindes
austreiben muss, nicht um das Abendland, das in der Seele des Kindes gerettet
sein will. In den erziehungsfreien Konflikten gibt es keinen Angriff auf die
Seele des Kindes und deswegen auch nicht eine entsprechend vehemente
Verteidigung dagegen. Erziehungsfreie Konflikte verlaufen in anderen Bahnen,
jenseits von missionarischem Eifer und innerer Not des Erwachsenen und jenseits
von Wut, Hass und Verzweiflung des Kindes.
Frei von
Trotzbrechen, Teufelaustreiben und Abendlandretten wird für den Erwachsenen
anderes möglich: psychisches Hören – Empathie. In gleicher Weise kann das Kind
den Erwachsenen wahrnehmen – da es nicht angegriffen wird und seine Kraft nicht
in der Verteidigung gegen den Erwachsenen aufreiben muss. Beide können deswegen
die jeweilige Dringlichkeit des anderen – ebenso wie die eigene – mitbekommen.
Beide sind offen zu merken, wie wichtig für den anderen sein Interesse wirklich
ist, auf der emotionalen und existentiellen Ebene. Wir nehmen einander auch im
Konflikt wahr, wir erfahren auch im Konflikt, wer der andere nach seinem
Selbstverständnis ist. Solch grundlegende Empathie gehört zum erziehungsfreien
Alltag.
Wir
informieren uns also auf der äußeren Ebene über unsere Interessen und zugleich
auf der emotionalen Ebene über unsere Dringlichkeiten. Dies geht ein paar Mal
hin und her, mal mit Worten, mal mit Erklärungen, mal ohne. Dann kann es zwar
vorkommen, dass sich einer durchsetzt, aber die Regel ist, dass der eine den
anderen machen lässt. Denn die Dringlichkeiten zweier Menschen sind selten genau
gleich groß. »Dann mach Du« – dies liegt näher. Das geht aber nur, wenn nicht
existentielle Wichtigkeiten im Zentrum des Konflikts stehen: Gehorsam und
Einsicht, die der Erwachsene vom Kind einfordert, Würde und Selbstachtung, die
das Kind vom Erwachsenen respektiert wissen will. Und wenn in der gesamten
Beziehung grundlegende Achtung und ungebrochene Wertschätzung – auch im
Konfliktfall – leben.
Die
erziehungsfreie Praxis funktioniert tatsächlich genau so. Unsere Konflikte
werden nicht mit aufreibendem Einsatz und viel Mühe gelöst, sondern sie lösen
sich meistens von selbst auf! Das wird nicht irgendwie gemacht, vorbereitet,
erarbeitet oder ähnlich angestrebt. Der erziehungsfreie Alltag mit Kindern lässt
sich nicht inszenieren. Es ist ein authentisches Geben und Nehmen gleichwertiger
Partner.
Dass
Konflikte sich wie von selbst auflösen können, kennt jeder aus der
Erwachsenenwelt, wenn grundlegende Achtung und keinerlei Erziehung im Spiel
sind. Wie zum Beispiel bei einer gut funktionierenden Partnerschaft. Wenn es
Samstag Nacht entweder ins Kino oder auf die Party gehen soll, und sie ins Kino,
er aber auf die Party will. Wie geht so ein Konflikt aus?
Arbeiten
die beiden am Konflikt? Das wäre viel zu hoch gegriffen. Sie sagen sich zwei-
oder dreimal ihren Wunsch, dann ist der Konflikt auch schon vorbei, und sie
gehen zusammen ins Kino oder auf die Party. Sie spüren beide ohne Mogeln und mit
reinem Herzen, wessen Wunsch wichtiger ist. Ihr Gefühl füreinander lässt sie
diese einfache Lösung finden: »Wenn es Dir wichtiger ist als mir, dann gehe ich
mit Dir Deinen Weg.« So kompliziert wird nicht geredet, es heißt nur: »O.k., ich
komm mit ins Kino« oder »O.k., ich komm mit zur Party«. Genau diese empathische
Konfliktlösung erleben erziehungsfreie Eltern und ihre Kinder. Und ohne Groll,
sondern mit dem Gefühl, dem anderen eine Freude zu machen, gehen sie weiter
zusammen durchs Leben.
Diese
Harmonie ist dabei nicht zu verwechseln mit dem Unterordnen und dem Verzicht
auf Wünsche. Wenn die Interessen mit ihren emotionalen und existentiellen
Dringlichkeiten hundert Prozent gegen hundert Prozent stehen, dann setzt sich
jeder mit Nachdruck für sich ein. Bei aller gegenseitigen Achtung – niemand wird
psychisch angegriffen, niemand muss sich in Abwehr aufreiben –, mit vollem
Einsatz kämpft jeder um den Sieg. Dieses Ringen geht sekundenschnell, durch
Blicke, Körpersprache, Töne, Worte, körperliche Auseinandersetzung. Es ist rasch
vorbei, entschieden, je nach Machtmitteln und realistischer Einschätzung der
Situation und der eigenen Möglichkeiten. Die Konfliktpartner kennen sich – sie
leben ja nicht den ersten Tag zusammen –, und wenn ein Einsatz nicht Erfolg
verspricht, wird die Niederlage als Realität akzeptiert. Wenn er nicht
Erfolg verspricht: Sonst geht es zur Sache, die so oder so ausgeht.
Für den,
der sich in einem dieser seltenen Hundert-Prozent-Konflikte nicht durchsetzen
kann, bleibt kein Stachel des Erniedrigtseins, keine Demütigung zurück. Denn bei
allem verstellten Weg: Die Würde blieb unangetastet, es erfolgte kein Angriff
gegen das Selbst, die gegenseitige Wertschätzung wurde nicht vermindert. Jedem
sind solche von Herabsetzung und Demütigung freie Niederlagen bekannt – aus
Situationen, in denen ganz unzweifelhaft keinerlei pädagogische Mission im Spiel
ist: wenn Dinge oder die Natur sich in den Weg stellen und uns einschränken.
Niemand fühlt sich von einem nicht startenden Auto herabgesetzt, von einem
abgestürzten Computer gedemütigt, von einem Regenschauer zurechtgewiesen. Diese
Missgeschicke können zwar sehr wütend machen, aber sie werden ohne wirkliche
innere Niederlage erlebt. Und genauso ist es bei den Konflikten, die
erziehungsfreie Menschen miteinander austragen.
In der
modernen Pädagogik wird auf »sanfte« Durchsetzungstechniken Wert gelegt, um dem
Kind die »Einsicht« in die »Notwendigkeiten« – das heißt allemal
Erwachsenenvorstellungen – zu »erleichtern«. Wie »freundlich«,
»demokratisch«, »partnerschaftlich« es dann »in Augenhöhe« mit
»Ich-Botschaften« in »Kreisgespräch« und »Rollenspiel« und in der
»Familienkonferenz« und der »Lehrer-Schüler-Konferenz« »menschenkundlich« und
in »vorbereiteter Umgebung« auch zugehen mag: Die verheerende psychische
Herabsetzung des Kindes bleibt, da der pädagogische Erwachsene nach wie vor –
aus seinem Selbstverständnis heraus – die innere Führung beansprucht und dem
Kind die Fähigkeit, das eigene Beste selbst wahrzunehmen, abspricht. Die
heutigen »Freundlichkeiten« kaschieren lediglich die bestehende grundlegende
Oben-Unten-Struktur, die Angriffe auf das Selbst des Kindes und die psychische
Missions-Aggression des Erwachsenen und entziehen sie effektvoll der
Thematisierung und Diskussion.
Diese
»sanfte« Pädagogik hat eine lange Tradition. Schon der französische Philosoph
und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau forderte 1760 in seinem Buch »Emile oder Über
die Erziehung«: »Lasst ihn (den Zögling, H.v.S.) immer im Glauben, er sei der
Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere
Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man
sogar seinen Willen ... Zweifellos darf es (das Kind, H.v.S.) tun, was es will,
aber es darf nur das wollen, von dem ihr wünscht, dass es es tut.« (J.-J.
Rousseau, Emile oder Über die Erziehung, Reclam UB 901, 1963/2001, S. 265f.)
In der
erziehungsfreien Beziehung fühlen sich die Kinder nicht angegriffen – da sie
nicht angegriffen werden. Sie können die vom Erwachsenen kommenden Informationen
sachlicher und emotionaler Art auf ihren Gewinn für sich überprüfen. Die meisten
Informationen, die Eltern ihren Kindern mitteilen, sind wertvoll und
interessant, wie stets, wenn Menschen in Kontakt und Austausch sind, wenn sie
sich nahe stehen und miteinander vertraut sind. Das ist banal und gilt sowohl
für erziehungsfreie wie auch für pädagogische Eltern. Doch während die
pädagogischen Eltern ihren Kindern den Zugang zu ihren Mitteilungen durch die
gleichzeitige psychische Aggression (»Sieh das ein; ich weiß es besser als Du;
ich bin für Dich verantwortlich; ich habe recht«) verstellen, können unsere
Kinder ungeschmälert von dem profitieren, was wir ihnen an Erfahrungen,
Erkenntnissen, Werten, Beurteilungen, Gefühlen als unsere subjektive
Wirklichkeit berichten.
Erziehungsfrei aufwachsende Kinder können also leicht tun, was man ihnen sagt –
und ebenso leicht können Erwachsene den Wünschen der Kinder den Vortritt lassen.
Die Kinder handeln dabei stets aus sich heraus und nicht deswegen, weil sie zur
»Folgsamkeit« »begleitet« und »geführt« oder sonst wie zur »Selbsteinsicht«
manipuliert werden. Beide handeln, weil sie die Mitteilungen des anderen
überzeugend finden, weil sie selbst dahinter stehen. Das ist unendlich befreiend
und entlastend.
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