Leseprobe zur Themensammlung
25. Das Wiederfinden der Selbstliebe
Das
Vertrauen in sich selbst, die Selbstverantwortung, die Selbstliebe, die soziale
Kraft: Konstruktive Potenzen des Menschen werden durch die Amication nicht nur
für Kinder, sondern auch für Erwachsene wieder denkbar und verfügbar. Der
Erwachsene wird auch stets direkt angesprochen, und wenn er sich in amicativen
Positionen wiederfindet, dann setzt er den amicativen Impuls für das Kind um,
das ihm zuallererst anvertraut ist: für sich selbst. Er beginnt, die Verhexung
der eigenen Kindheit aufzuheben, wieder an sich zu glauben und sich zu lieben.
Wenn man
amicativen Überlegungen zustimmt, bedeutet das jedoch noch nicht, dass man sich
sofort so akzeptieren und lieben kann, wie man gerade ist. Es geht erst einmal
um eine neue Perspektive, um eine Ablösung der alten Sicht. Wie kommt man dann
aber weg vom »Ich kann mich nicht leiden« und vom »Ich kann dies oder jenes an
mir nicht leiden«, vom »Ich muss besser werden« und vom »Ich muss an mir
arbeiten«? Wie setzt man die amicative Erkenntnis um? Wie fühlt man wieder, dass
man sich mag? Wie macht man es, sich zu lieben?
Es ist
nicht zu »machen«. Beim einen ruht dieses Wissen unter der Oberfläche, und wenn
man davon hört, wird es lebendig: »Ja, so fühle ich auch, eigentlich schon
lange, nur fehlte mir der Mut, aber jetzt bin ich mir sicher, ich werde den
Glauben an mich nie mehr verlieren.« Der Impuls reicht aus, um die Selbstliebe,
die ja nicht wirklich verloren geht, wieder zu fühlen.
Bei
vielen anderen aber ist es nur eine schöne Idee, und sie sehen keine
Möglichkeit, dass ein solches konstruktives Denken auch für sie eine
gefühlsmäßige Wirklichkeit werden kann. »Wie soll ich denn dahin kommen?« Die
erlernten Unterlegenheitsgefühle, das »Ich bin ja doch nichts wert«, der ganze
Jammer der verloren geglaubten Selbstliebe steigen auf, man wird traurig,
vielleicht auch ärgerlich über diese »Sprüche«.
Die
Antwort ist stets so: »Sieh erst einmal, ob diese Auffassungen etwas für Dich
sind. Willst Du so über Dich denken? Wirklich?« Wer der Selbstliebe schon von
der Idee her nicht wirklich zustimmt oder ihr skeptisch gegenübersteht, für den
gibt es kaum Rat. Wer aber wirklich zustimmt (was ja niemand muss), nur nicht
weiß, wie er das hinbekommen soll, für den gilt: »Lass Dich in Ruhe«. Doch er
kann sich ja nicht in Ruhe lassen. »Vertrau Dir doch einfach, dass Du es eines
Tages schaffst«. Doch er kann sich nicht vertrauen.
Es ist
wie bei einem ungeduldigen und sich misstrauenden Kind. Was ist dabei? »Du
kannst so ungeduldig sein und so misstrauisch, wie Du willst. Das ist Dein Sinn.
Das ist nicht gut. Das ist nicht schlecht. Es ist. Es ist in Dir, ein Teil von
Dir.« Aber Ungeduld und Misstrauen gegen sich selbst werden ja nicht gemocht und
sollen verschwinden.
Dann ist
es wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass die Idee des Bösen endgültig nicht
mehr gilt, niemals, auch nicht in Bezug auf sich selbst, auch nicht in Bezug auf
irgendwelche Teile von sich. »Deine Ungeduld und Dein Misstrauen gegen Dich sind
Teile von Dir. Sie sind nicht böse. Hast Du das Recht, sie zu diskriminieren?
Was meinst Du, was sie davon halten, wenn Du sie beschimpfst? Wenn Du sie
bekämpfst? Wenn Du sie verbessern, erziehen willst? Amication ist unteilbar. Das
Achten gilt auch Deinen Teilen gegenüber, auch den Teilen, die Du überhaupt
nicht leiden kannst.«
»Wie
bitte?«
»Die
Achtung vor der Inneren Welt gilt jedem Phänomen gegenüber, auch den Dingen, die
in Dir sind. Deine Ungeduld und Dein Misstrauen – sie warten auf Dich. Alles von
Dir, Dein ganzes Universum (dazu gehören auch diese ärgerlichen Teile in Dir)
wartet auf Deine Akzeptanz, wenn Du schon keine Liebe für sie aufbringen
kannst.«
»Aber ich
kann das alles an mir nicht leiden. Muss ich das jetzt können?«
»Natürlich nicht. Deine Gefühle werden doch auch nicht verraten. Aber: Ist es
wirklich nötig, das, was Du an Dir nicht leiden kannst, auch noch obendrein zu
missachten, als unsinnig zu diskriminieren, als verbesserungsnotwendig
abzustempeln? Was zwingt Dich denn, diese Pädagogik gegen Deine eigene Innere
Welt zu machen? Schön, Du magst Deine Ungeduld und Dein Misstrauen nicht. Aber
lass sie gelten! Auch wenn Du sie nicht magst. Sie sind sinnvoll! Nichts ist
sinnlos. Sie sind in Dir gewachsen. Wenn Du sie rausreißt, verblutest Du. Sie
sind ein Teil von Dir.«
»Dann
gehen sie nie.«
»Vielleicht gehen sie nie und bleiben ein Leben lang bei Dir. Aber wenn Du sie
bekämpfst und beschimpfst, dann gehen sie erst recht nicht. Wenn Du auch ihnen
gegenüber die amicative Idee lebst und sie achtest, dann hast Du eine Chance –
keine Garantie –, dass diese unangenehmen Gefühle in Dir, die ihrem Sinn folgen,
zu ihrer Zeit gehen.«
Es geht
also darum, nicht doch noch irgendwo auf der Welt eine Ecke für das Böse zu
reservieren, diesmal: in sich selbst. Von der Idee her. Wer erkannt hat, dass er
sich selbst tatsächlich und ohne Einschränkung lieben könnte, wie immer er ist,
aber dies nicht hinbekommt – für den bleiben zwar Schmerz, Ärger, Ungeduld und
Misstrauen. Aber Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gehen. Wer es
nicht schafft, sich zu lieben – obwohl er diese Idee gut findet und es
sehnlichst möchte –, der schafft es nicht. Das tut weh, natürlich. Aber es ist
gänzlich überflüssig, sich dies auch noch zum Vorwurf zu machen. Das ist so
etwas wie der erste Schritt. Wer ihn nicht schafft, muss sich auch dies wieder
nicht zum Vorwurf machen. Wer aber auch das nicht schafft, muss sich auch das
wieder nicht zum Vorwurf machen. Und so fort. Selbstakzeptanz und Selbstliebe
sind letztlich immer möglich.
Neben
diesem Grundsätzlichen gibt es auch andere Hilfen.
Zunächst:
Das Erinnern. Wenn man in eine solche Fallgrube gefallen ist (man kann sich
nicht leiden, man gibt dem anderen die Schuld, man demütigt die Kinder), kommt
stets der Moment des Innehaltens. Früher warteten dort die Schuldgefühle und das
schlechte Gewissen. Doch das Innehalten – vielleicht nach einer Minute, einer
Stunde, einem Tag – öffnet auch dem Erinnern die Tore: dass es die amicative
Idee gibt, dass solche Bücher geschrieben wurden, dass es solche Menschen gibt.
Die Verbindung kann wieder hergestellt werden. »Niemand macht Dir einen Vorwurf,
dass Du in eine Fallgrube gefallen bist. Das Herausklettern beginnt, wenn Du
Dich erinnerst, an all diese Dinge.« Vielleicht mit dem Stoßseufzer: »Ach,
eigentlich bin ich ja doch ganz o.k., trotz allem«.
Und: Die
amicative Welt existiert, hier und heute. Man kann diese Bücher lesen, diese
Menschen kennen lernen. Man kann Kontakt herstellen. Gemeinsames Erleben mit
anderen amicativen Menschen ist hilfreich, und die gemeinsamen neuen Erfahrungen
bringen mehr und mehr Sicherheit.
Das
Wichtigste aber: »Kümmere Dich ein bisschen mehr um Dich, schau hin, ob Dir
etwas gut tut oder nicht, und tue Dir immer mal wieder etwas Gutes. Jeden Tag
eine gute Tat – lass dieses Motto Dir gegenüber gelten, denn Du bist Dir
anvertraut. Und wenn Du auf Dich acht gibst, wächst die Selbstliebe von
allein.«
26. Fehler überwinden
Wenn
jemand einen Fehler macht, so bedeutet das, dass er nicht so gut war, wie er
aber hätte sein können oder sollen. Dann tauchen Rechtfertigungsüberlegungen
auf. Eingeständnisse werden gemacht. Die dunkle Wolke Schuldgefühl zieht auf.
Und fordernd scheint der helle Stern Gutsein, hinter dem man endlos herläuft.
Doch in der Amication ist alles anders:
Ein jeder
ist für sich selbst verantwortlich. Für sein Leben, dieses sein Leben, vom
Anfang bis Ende, ganz und gar. Wenn man etwas tut, dann aus Verantwortung für
sich, aus seinem jeweiligen Sosein. So, wie man gerade ist, denkt, fühlt –
handelt man. Im Moment des Tuns, in der aktuellen Gegenwart, gilt jeder einzelne
Sinn. Das ist nicht richtig, das ist nicht falsch. Es ist.
Wenn dann
jemand dazu sagt, das sei ein Fehler – dann redet er eine fremde Sprache. Er
schaut auf Einsichten, Normen, Daten, die er kennt, und daran misst er den
anderen. Das ist dann für ihn wichtig – aber mit dem anderen hat das nichts zu
tun.
In der
Amication achtet ein jeder seine Gegenwart, sich, seinen aktuellen Sinn so sehr,
dass er ihn – diesen Sinn, der in ihm lebt – nicht im Nachhinein eines Fehlers
bezichtigt. Der Sinn, der einen jeden handeln lässt, ist dann, wenn er
geschieht, fehlerlos. Besser: Jenseits von richtig und falsch, weder richtig
noch falsch. Er ist.
Man kommt
nicht auf die Idee, seiner Vergangenheit Vorhaltungen zu machen. »Hättest Du
aber doch ...« – dies ist fremd. »Hab ich aber nicht« ist die Antwort. Ruhig,
kraftvoll, überzeugt. »Hab ich aber nicht.«
In der
Amication gilt also: Niemand macht wirklich (existentiell gesehen) einen Fehler
– man kann gar keinen machen. So, wie man auch nichts richtig machen kann. Was
jemand macht, findet statt, sinnvoll, verantwortet vor sich: »Ich bin, ich lebe,
und bin nicht an objektiven Kriterien zu messen.« Wohl an subjektiven: an den
eigenen, an den fremden. Aber diese haben keine Macht über die Vergangenheit,
über die Achtung vor sich selbst. »Du magst mich finden wie Du willst – ich aber
bin«.
Ein jeder
kann jetzt anders handeln als eben. Jederzeit. Aber das Eben wird dadurch nicht
zum Fehler. Und das Jetzt nicht zum Richtigen. Man kann sich verändern ohne den
Hintergrund und die Welt, die um den »Fehler« herum sind.
27. Amication missverstehen
Ein
charakteristisches Merkmal amicativer Lebensweise besteht darin, dass
Schuldzuweisungen und moralisierende Vorwürfe nicht vorkommen. Denn wie kann
einer dem anderen die Schuld geben, wenn jeder nur für sich spricht und wenn
jeder stets sein Bestes tut? Beziehungen, die frei sind von den Tönen des »Ich
habe mehr recht als Du« sind im Vergleich zu den Beziehungen, die mit solchen
Tönen einhergehen, entspannter und stressfreier. Diese besondere, vom
Moralisieren befreite Atmosphäre ist bei amicativen Menschen wahrzunehmen.
Soweit
die Theorie. In der Praxis gibt es von dieser amicativen Umgangsform
Abweichungen. Aber Achtung: Jede Abweichung, die passiert, kann pädagogisch
sein, muss es aber nicht. Sie kann – trotz Abweichung – immer noch amicative
Substanz haben.
Wenn
Moralisieren auftaucht, dann kann eine innere Zustimmung zum Moralisieren
dabeisein. Nach dem Motto: »Ich bin mein eigener Chef und ich kann alles tun,
was ich will, nichts ist richtig, nichts ist falsch.« Wer so hinter seinem
Moralisieren steht, kann den Kontakt zu den befreienden Aussagen von Amication
verloren haben. Der eigentlich kraftvolle und konstruktive psychische
Rundumschlag »Endlich kann ich alles tun, was ich will, denn ich bin o.k.« kann
sehr missverstanden werden.
Wenn man
auf amicativem Boden stehen und amicative Aussagen nicht für eigene Zwecke
umdeuten will, dann kann man schon alles tun, was man will – jedoch nur im Geist
von Amication. Die Befreiung von alten Zwängen geschieht nicht in den luftleeren
Raum hinein, sondern in die Richtung, die Amication aufweist. Es wird immer
wieder missverstanden, dass Amication dazu legitimiere, nun endlich alles tun zu
können, was man will – ohne Bezug zur Gesamtidee. Viele Zeitgenossen nehmen
Amication für einen Ausstieg aus ihren Zwängen, nicht jedoch für einen Umstieg
in die amicative Lebensart.
Aussteiger finden nichts dabei, wenn sie moralisieren. »Kann ich ja tun«. Und
sie sind damit im Grunde noch in der alten Welt. Umsteiger finden schon etwas
dabei, wenn sie moralisieren: sie haben ein Gefühl das Bedauerns. Keine neuen
Selbstzweifel, kein erschrecktes Selbstermahnen. Einfach Bedauern. Mit dem
Impuls, sich durch das Moralisieren nicht irre machen zu lassen auf dem Weg, das
Moralisieren vielleicht doch eines Tages verlassen zu können.
Dieser
Impuls geht nicht in Richtung Selbsterziehung (ich muss an mir arbeiten, damit
ich mit dem Moralisieren aufhöre). Es ist der Kontakt zu der Gesamtphilosophie,
eine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber: Dass mir etwas unterläuft, was ich
eigentlich nicht gut finde, was ich an mir aber nicht wegerziehen muss, was
damit aber auch nicht willkommen geheißen wird. Es ist ein feines amicatives
Gefühl: Etwas an sich bedauern zu können, ohne sich deswegen weniger zu mögen.
»Auch mein Moralisieren gehört zu mir. Aber die Überzeugung, dass es ohne
Moralisieren schöner ist und der Wunsch danach, ist ebenfalls ein Teil von
mir.«
Man kann
in seiner Praxis also überhaupt nicht amicativ sein, obwohl es so aussieht. Zum
anderen kann die eigene Praxis überhaupt nicht amicativ aussehen, obwohl man
amicativ ist. Das Bekenntnis zur Amication ist wenig. Es kommt darauf an, in
Kontakt zu ihrem Sinn zu sein, auch wenn man etwas (immer noch, immer wieder)
tut, das pädagogisch aussieht. Dann ist auch Moralisieren kein wirkliches
Problem. |
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