Rote Karte

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Wer beim Fußballspielen gegen die Regeln verstößt, bekommt schließlich die Rote Karte. »Rote Karte« bedeutet eine Auszeit, der Spieler sitzt am Rand und kann (für eine bestimmte Zeit) nicht mehr mitspielen. Die Rote Karte hat etwas mit der Thematik Grenzen-Achten, Grenzen-Überschreiten, Regeln, Strafe, Unterordnung, Einsicht, Sinn, Würde, Achtung zu tun. Mit einem ganzen Themenbereich. Ich denke darüber nach, was sich vom Fußballspiel und der Roten Karte auf die Beziehungen zu Kindern übertragen lässt.

 

Es geht um Regeln und Regelverstoß, und darum, wie man damit umgeht. Wer stellt die Regeln auf? Wir Erwachsene. Was sind das für Regeln? Sie sind das Ergebnis unserer Erfahrung, unseres Wissens, unserer Ängste, unseres Muts, unserer großen und kleinen Befindlichkeiten. Die Regeln, die wir den Kindern vorsetzen, sind immer unsere Regeln. Sie sind wichtig, damit wir im Zusammensein mit den Kindern uns selbst nicht verlieren, aus dem Gleichgewicht geraten, uns selbst wieder finden in der Eltern-Kind-Beziehung. Sie schützen uns. Und viele dieser Regeln schützen auch die anderen: die Kinder. Vor Folgen, die sie nicht übersehen. Vor Folgen, die ihnen selbst oder anderen schaden können. Wie wir meinen. Wir Erwachsene bestimmen diese Regeln, in der Familie, in der Schule, im Kindergarten, in der Gesellschaft. Wir legen das Spiel fest: Handspiel ist beim Fußball nicht erlaubt. Rote Karte!

 

Egal, wie sinnvoll oder unsinnig die Regeln auch sein mögen. Sie stehen fest, bis wir sie ändern, und sie gelten für die Kinder. Die Kinder kennen die jeweiligen Regeln der jeweiligen Erwachsenen. Bei Mutter so, bei Vater so, bei Oma so, bei Lehrer Müller so, bei Lehrer Meier so. Viele sind gleich, viele sind anders. Sei es drum: die Kinder wissen Bescheid, mit wem sie es zu tun haben, und wie es mit dessen Regeln beschaffen ist. So, wie sie viele Spiele und die zugehörigen Spielregeln kennen.

 

Wenn die Kinder sich an die Regeln der Erwachsenenwelt halten – das kann man o.k. finden, das kann man kritisch unter die Lupe nehmen. Je nach eigener Position wird man so oder so darüber urteilen. Für einen Erwachsenen, dessen Regeln von den Kindern eingehalten werden, ergibt sich ein solches Problematisieren selten, wer fragt sich schon, weshalb seine Kinder folgsam sind.

 

Wenn die Kinder sich nicht an eine Regel halten – was dann? Was gilt dann für amicative Menschen? Für Menschen, die davon ausgehen, dass Kinder eine eigene souveräne Innere Welt haben? Dass es nicht Gut und Böse in einem objektiven Sinn gibt? Dass Regeln niemals wirklich zu Recht für einen anderen erlassen werden können? Dass uns unsere Regeln aber unverzichtbar sind?

 

Der Regelverstoß ist zunächst einmal nur ein Regelverstoß aus der Perspektive des Regelsetzers. Kinder können unsere Regeln als auch für sie gültig anerkennen. Aber sie können sie auch ablehnen, aus ihrem Königtum heraus. Das wissen und das achten wir als amicative Erwachsene. Jeder Mensch deutet die Welt nach seinen eigenen Gesetzen, und niemals steht einer dabei über dem anderen. Die Regelwerke der Kinder haben dasselbe Gewicht wie die der Erwachsenen. In der Bewertung der Regeln gibt es Gleichwertigkeit (meine Regel steht nicht wirklich über deiner) und Verschiedenheit (meine Regel ist anders als deine). Von daher Gleichwertigkeit bei aller Verschiedenheit gibt es auch keinen Regelverstoß, den wir Erwachsene irgendwo geltend machen könnten, bei einer über uns und den Kindern schwebenden Schiedsstelle. Es gibt im Spiel von Erwachsenen und Kindern keinen Schiedsrichter. Was nicht ausschließt, dass der eine von beiden »Regelverstoß« ruft. So können Erwachsene die Kinder sehen, und umgekehrt.

 

Wenn sich also ein Kind nicht an meine Regeln hält: Was dann? Ich möchte meinen »Regelfrieden« wiederherstellen. Meine Regel hat etwas mit meiner Grenze zu tun. Mein Schild: »Bis hierher und nicht weiter« wurde nicht beachtet. Wenn mir das zuviel ist, muss ich etwas gegen diese Grenzverletzung tun. Ohne Herabsetzung dessen, der mein Stoppschild nicht als seins angesehen hat. Wenn ich nichts tue, wird sich das Kind in einem Bezirk aufhalten, wo es – für mich, meine Weltsicht, Identität – nichts zu suchen hat. Ich werde diese Grenzverletzung heilen, damit ich daran nicht krank werde. Ich sorge dafür, dass meine Regel als Stoppschild vor meiner Identität repariert wird: Sie wurde verletzt, aber sie soll weiterhin gelten. Eine Regelverletzung lässt sich rückgängig machen. Wirklich? Besser: Sie lässt sich heilen. Aber wie?

 

Im Fußball durch die Rote Karte. Auszeit. Im Alltag mit Kindern durch – durch was? Was sind unsere Roten Karten für die Kinder, wenn sie unsere (unsere) Regeln verletzen? Wie verteidigen wir unsere Stoppschilder? (Wenn wir sie nicht ändern.)

 

Dein Kind: wirft mit Steinen, ärgert den Bruder, bleibt nicht an der Kreuzung stehen, ach, tausend Situationen. Die Kinder tun nicht, was sie sollen. Regelverstoß. Rote Karte. Nur: welche Karte funktioniert wirklich? Was ist die Zauberkarte?

 

Ich weiß das natürlich auch nicht. Jeder hat da seine eigenen Erfahrungen, und es ist auch bei allen Roten Karten immer so, dass sie etwas aus der jeweiligen Beziehung zwischen Dir und dem Kind sind, und was in der einen Familie funktioniert, ist in der anderen völlig unangemessen.

 

Ich weiß aber, was alle Karten »verdirbt«, was keine Heilung, sondern nur noch mehr Unfrieden schafft. Und das möchte ich gern in Erinnerung rufen. Es ist das »Ich habe recht« und das »Sieh das ein« und das »Du bist böse/schlecht/unverschämt/bescheuert/ dämlich ...« Es ist die Haltung, der Bessere zu sein, und die Kinder hätten aber doch. Rote Karten mit Herabsetzung sind etwas anderes als Rote Karten ohne Herabsetzung. Wenn schon Rote Karten, dann mit Respekt und Achtung. Wie beim Fußball!

 

Sind die Kinder nicht den Regeln und den Roten Karten der Erwachsenen schutzlos ausgesetzt? Kinder sind Erwachsenen immer ausgesetzt. Das Rufen nach »Schutz« für die Kinder kommt von denen, die ihrerseits Regeln und Rote Karten festsetzen wollen (den Erwachsenen gegenüber), und über diese (Schutz)Regeln und Karten ist in derselben Weise nachzudenken. So ein Gedanke liegt zwar nahe (der »Willkür« der Erwachsenenregeln etwas entgegenzusetzen), aber er bringt keine neue Erkenntnis. Wir werden immer Regeln und Rote Karten haben, es fragt sich: welche? Und hier gibt es so viele Lösungen, wie es Menschen gibt. Es fragt sich also: Was sind meine Regeln und was sind meine Roten Karten? Hierüber kann man sich austauschen, durchaus auch mit den Kindern. Klar, es ist super, wenn man »offen«, »großzügig«, »freundlich« usw. usw. in dieser Problematik ist. Aber auch der, der das alles enger sieht, muss für sich einstehen, oder er geht unter. Jeder hat da seinen eigenen Weg. Der sich immer auch verändern lässt.

 

Die Rote Karte wird das Verhalten der Kinder (beim nächsten Mal) kaum ändern können. Nicht die Rote Karte! Die Rote Karte ist etwas für jetzt, für die Heilung der Verletzung. Für das Wiederherstellen meines Regelwerks und meiner erbetenen/benötigten Achtung, die ich nicht gewahrt sah. (Die Kinder wissen genau, dass Du mit Empörung reagierst, wenn sie sich treten.) Anders beim nächsten Mal wird es, wenn die Kinder das selbst wollen. Sie kennen alle Zusammenhänge, die Regeln sind bekannt. Auch die Roten Karten, die im Fall des Falles ins Haus stehen. Wer auf eine Änderung beim nächsten Mal aus ist, der betritt glitschigen Boden: da schlittert man leicht in das Seele-Verändern, in das »So wie du bist, bist du nicht richtig«. Das Ändere-Dich kann nur ein Wunsch, eine Bitte, ein Hilferuf sein. Bitten werden nicht immer erfüllt. Stein werfen ist doch super! Wozu sind Steine denn da? Das Auge, das in Gefahr ist: Das wird erst dann geschützt, wenn die Idee von Schützen und Achten in der gesamten Beziehung lebt, jenseits von Seele-Ändern, Vorschriften machen, Recht haben, gut und böse.

 

Wen man länger amicativ lebt, wird diese Problematik immer unbedeutender. Und es gelingt mehr und mehr, die Stoppschilder der Kinder zu sehen und zu beachten: »Ich will nicht« – »Das ziehe ich nicht an« –»Das will ich haben« – »Das schmeckt mir nicht« – »Warum?« – »Wieso?« – »Später« – »Lass mich« – Jammern, Heulen, schrille Töne, sanfte Blicke, Clownerien, entschiedene Haltung, Humor, Lachen, absurde Ausreden, verzogene Münder, stampfende Füße, »Papa!!«, »Mama!!« – tausend Varianten, und immer die Möglichkeit, zu verstehen, ihre Grenze zu sehen und zu achten. Die Kinder zücken keine Rote Karte, das ist im Spiel nicht vorgesehen, und sie haben diese Macht nicht (andere schon). Aber sie zeigen ihre Stoppschilder, unmissverständlich eigentlich. Man kann um diese Dinge wissen und, ohne Stress, daran denken und vielleicht, ohne Stress, ab und zu oder auch öfter mal halt machen. Sich selbst die Rote Karte verpassen, augenzwinkernd, aber wirksam.

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